Straßenbahn kann auch nicht fliegen

Leserbrief an den Mannheimer Morgen vom 20. Mai 1988

In der letzten Zeit ist der MM wieder mit Stellungnahmen der Spurbusgegner, die sich gegen die Trassenführung wenden, gespickt. Wenn wir das richtig verstanden haben, ist der Hauptgrund der Kritik die Trasse und nicht das System an sich. Andere möchten eine Alternative verwirklicht sehen: Eine Anbindung der Gartenstadt mit Hilfe der Straßenbahn.

Aber da ja St. Florian unser Nationalheiliger zu sein scheint, können wir uns lebhaft vorstellen, daß sich dann dasselbe Geschrei erheben würde und die Sprecher der „betroffenen“ Bezirksbeiräte die Hände abwehrend von sich streckten, nach dem Motto: So war's doch nicht gemeint. Denn auch eine Straßenbahn könnte nicht von der Haltestelle Grenadierstraße bis zum Stillen Weg fliegen. Auch sie braucht einen Gleiskörper, der Platz wegnimmt.

Wir möchten daher der Verwaltung den Vorschlag machen, eine Straßenbahntrasse zu veröffentlichen, um die Probe auf's Exempel zu machen. Wir fürchten zwar, daß dabei nichts zum Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs herauskommt, da auch hier der Widerstand zu hoch sein wird, aber die Stadt Mannheim sollte dennoch nicht versuchen, ein Projekt gegen den Willen der Mehrheit durchzuboxen.

Eine ähnliche Ursache hat das Scheitern des Umbaus der Relaisstraße. Hier sind allerdings vor allem die Einzelhändler schuld. Die Argumentation der Gewerbetreibenden, daß eine Überquerung der Straße „vor allem für Autofahrer nicht mehr möglich sei“, sie müßten dann bis zur nächsten Querstraße fahren, um zu wenden (nachzulesen in MM Wochenschau vom 22.4.88) halten wir für gelinde gesagt unsinnig und gedankenlos. Am besten gefiel uns noch der Vorschlag von Stadtrat R. D., Parkscheiben einzuführen und die Kurzparker vor Geschäften streng zu überprüfen. Ebenso wird es Zeit, daß es Strafzettel hagelt, und zwar für solche Autofahrer, die es nicht lassen können, in Haltestellenzonen, auf Fußgängerüberwegen und auf Gehwegen zu parken. Die dafür notwendigen Politessen werden sich aller Voraussicht nach selbst finanzieren.

Sabine Engelhardt, AZ


Namen habe ich aus Datenschutzgründen auf die Initialen verkürzt.