Arbeits-Los?

[30. Oktober 2002]

„Ich bin arbeitslos.“ Für viele „brave“ Bürger ist diese Aussage ein Grund, sich von mir abzuwenden; für Vermieter ist es ein Grund, mir ihre Wohnungen nicht anzubieten, und für den Herrn Bundeskanzler und andere Berufspolitiker ist es sogar ein Grund, um mich als „Faulpelz“ zu beleidigen.

Bei – offiziellen – 3,5 oder vier Millionen so genannten Arbeitslosen halte ich „Arbeitslosigkeit“ bzw. „Langzeitarbeitslosigkeit“ nicht für eine Schande. Ich schreibe „so genannte Arbeitslose“ mit voller Absicht, denn es ist wahrlich nicht so, dass unsereins nichts tut. Wir kriegen bloß kein Geld oder nur erbärmliche Beträge dafür.

Eines habe ich gelernt: Armut stinkt. In diesem ach so reichen Land schauen einen die Leute ganz verdattert an und wollen einen gar nicht Ernst nehmen, wenn man sagt: „Ich habe kein Geld.“. In letzter Zeit habe ich mir angewöhnt, diesen Satz gleich zu ergänzen mit „… und ja, das meine ich wörtlich“. Dann sind die Gesichter noch verdutzter – „das gibt's hier in Deutschland doch überhaupt nicht …“.

Doch, das gibt es. Leben – nein, überleben von 80 € pro Woche, mit der Miete gnadenlos im Rückstand, die fristlose Kündigung der Wohnung schon angedroht, das Konto gepfändet. Das ist deutsche Realität, nicht die Sonntagsreden von Herrn Schröder. Und die Stellenanzeigen in den Zeitungen bringen mich regelmäßig zum Kotzen:

Einigen Anzeigen ist deutlich anzusehen, dass es sich um reine Abwerbe-Anzeigen handelt, die sich an Leute mit fester Anstellung wenden. Sie sagen deutlich zwischen den Zeilen: Arbeitslose, bleibt uns fern! Andere Firmen suchen offenbar nach Zauberern, die mit 20 Lebensjahren 30 Jahre Berufserfahrung mitbringen, wobei sie „natürlich“ ein Studium absolviert haben müssen, die dann bereit sind, 60 Stunden pro Woche „flexibel“ (also unter Umständen jeden Tag in einer anderen Stadt) für unter 10 € pro Stunde zu schuften. Ach ja, natürlich müssen sie ungebunden und männlich sein, denn Frauen könnten ja mal Kinder kriegen. Würg. Ich frage mich: Denken solche Personaler vorher mal nach, bevor sie eine fette, teure Anzeige schalten lassen?

Vom Arbeitsamt habe ich seit Ewigkeiten keine Stellenanzeige mehr zugeschickt bekommen. Manchmal bequemt sich der Sachbearbeiter dann, wenn ich gerade vor ihm sitze, dazu, mal ein einzelnes Angebot aus dem SiS zu pflücken – ganz toll, Applaus, das kriege ich dann grade mal noch selbst hin. Ansonsten scheine ich für die nicht vorhanden zu sein – nur ein Verwaltungsfall, eine Akte, um die man sich nicht weiter kümmern muss. Offensichtlich besteht bei dieser Behörde überhaupt kein Interesse daran, die Statistik um meinen Eintrag (und natürlich auch um andere Einträge) zu bereinigen. Das wäre ja richtig Arbeit. Aber unsereins muss sich faul schimpfen lassen!

Beim Sozialamt sagte man mir, ich müsste mich auch außer- und unterhalb meiner Qualifikation bewerben. Ja, ganz toll. Anhand meines Lebenslaufs und meiner Ausbildungen wird sich jeder halbwegs intelligente Personaler in so einem Fall ausrechnen, dass ich bei der nächstbesten Gelegenheit wieder verschwunden bin – und mich nicht mal zur Vorstellung einladen.

Natürlich ist mir klar, dass die erste Priorität für die Angestellten des Sozialamtes nicht die notwendige Hilfe für SozialhilfeempfängerInnen ist. Statt dessen lautet ihre primäre Aufgabe, der Stadt so viel Geld wie möglich zu ersparen oder, wenn irgendwie möglich, bereits gezahltes Geld zurückzuholen. Wenn man sich damit so intensiv befassen muss, kann man sich wohl kaum noch viele Gedanken darüber machen, wie die SozialhilfeempfängerInnen überleben oder sogar von ihren Grundrechten Gebrauch machen sollen.

Story am Rande: Ende 2000 sprach mir der damals zuständige Beamte beim Sozialamt Düsseldorf doch tatsächlich die Grundrechte ab. Da ich „bedürftig“ sei, gelte das für mich nicht mehr. So „nett“ werden gelegentlich SozialhilfeempfängerInnen behandelt – wir sind ja nur noch „Bedürftige“, keine Menschen mehr!