Treten Sie zurück!

To: wolfgang.schaeuble@bundestag.de
Date: 8. Juli 2007 18:53

Sabine Becker
Helmholtzstraße 53
40215 Düsseldorf

Herr Schäuble,

Ihre Äußerungen im jüngsten Spiegel-Interview, zitiert bei Heise Online und tagesschau.de, entsetzen mich zutiefst. Ich frage mich, wieso ein Mensch, der Verdächtige (also nicht einmal rechtskräftig Verurteilte!) töten lassen will, in Deutschland ein Ministeramt oder überhaupt ein öffentliches Amt bekleiden darf.

Art. 1 GG, Art. 21 GG, Art. 102 GG – haben Sie überhaupt schon einmal etwas davon gehört?

Als Normalbürgerin würde ich für derart grundgesetzwidrige Äußerungen mindestens erkennungsdienstlich behandelt, vermutlich aber eher strafrechtlich belangt!

Aber Sie verlangen allen Ernstes und ungestraft die Abschaffung von Grund- und (unveräußerlichen!) Menschenrechten, angeblich um genau solche zu verteidigen, mit Maßnahmen wie Vorratsdatenspeicherung, Totalüberwachung, Online-Durchsuchungen, Internierungslagern (früher nannte man sowas übrigens Konzentrationslager) und Tötung bei Verdacht. Und das alles im Namen der so genannten „Terrorbekämpfung“.

Gleichzeitig lassen sich übrigens die Polizei und Staatsanwaltschaft Düsseldorf 8 Wochen lang Zeit, um mit Ermittlungen gegen einen Internet-Stalker, der mich 16 Monate lang massiv belästigt hat, überhaupt erst einmal anzufangen, um mir dann zu sagen, wir können ihn nicht finden, weil die Daten zu alt sind. Diese Art von Terror ist dann wohl nicht gemeint.

Und da soll ich noch an einen „Rechtsstaat“ glauben?

Welche Freiheit wollen Sie denn noch verteidigen, wenn Sie uns alle Freiheiten nehmen? Oder sollte ich eher fragen, wessen Freiheit Sie verteidigen wollen? Meine sicher nicht!

Übrigens, zu Freiheit gehört ein gewisses Risiko. Dieses nehme ich aber gern in Kauf! Denn wer Freiheiten aufgibt, um Sicherheit zu erhalten, hat beides nicht verdient (nach Benjamin Franklin).

Erschreckend ist auch, wie aktuell das folgende Zitat ist:

„… Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. … das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.“
[Hermann Göring, 18. April 1946]

Angeblich wollen Sie ja „Sicherheit“ erreichen. Welche Sicherheit, wessen Sicherheit?

Aber diese Menschen sind bzw. waren ja „nur“ Opfer unseres politisch so gewollten Gesellschaftssystems, in welchem Menschen nur als lebendige Produktionsmaschinen angesehen werden, und um die geht es ja nicht, nicht wahr?

Um wen geht es denn dann? Wer soll geschützt werden? Wieviele Terror-Opfer gab es denn in Deutschland in den letzten 20 Jahren?

Ich darf Ihnen noch einen GG-Artikel nahelegen: Art. 20 Abs. 4 GG, und ich hoffe, dass das deutsche Volk mittlerweile weiter ist als zur Zeit von Nazi-Deutschland.

Noch ein Gedanke: Ich halte Sie derzeit für die größte Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Sie müssten sich also, Ihren eigenen Gedankengängen folgend, als erstes selbst internieren.

<Sarkasmus ON>

Vermutlich bin ich ja jetzt schon ganz schlimm terrorverdächtig, weil ich Freiheiten verteidige. Ich benutze außerdem so etwas Hochverdächtiges wie Mailverschlüsselung mit GnuPG und engagiere mich im CCC-Umfeld sowie bei der Free Software Foundation Europe. Des weiteren verwende ich Hackertools wie traceroute, ping, whois, telnet, ssh, nmap und chkrootkit.

Also gleich mal ein paar Infos für den Bundestrojaner: Auf meinem Hauptrechner läuft ein Debian GNU/Linux 4.0 Etch (apt-get update/upgrade jede Nacht), Kernel 2.6.21.1 (Eigenbau). Er hängt hinter einem Router NetGear RT311. Port 22 ist offen und zeigt auf meinen Hauptrechner, der auf diesem Port per DynDNS unter [hier nicht publiziert, aber im Original enthalten] erreichbar ist. Direkter Root-Access ist jedoch im sshd gesperrt. Der Router reagiert nicht auf ping. Mein Zugangsprovider ist T-Com/T-Online, ich habe eine DSL-6000 flat mit 384 kBit Upload-Kapazität. Die Festplatten sind noch nicht gecryptet, aber ich arbeite dran. Die genaue Hardware-Beschreibung ist auf meiner Website zu finden.

<Sarkasmus OFF>

(Einbruchsversuche oder Versuche, mir unerwünschte Software unterzujubeln, von woher auch immer, werde ich zur Anzeige bringen und, wenn sie einer Ihnen unterstellten Behörde zugeordnet werden können, im Web publizieren.)

Herr Schäuble, ich will Ihre „Sicherheit“ nicht.
Ich will meine Freiheit!

Sabine Becker

Diesen Brief werde ich heute noch (unter Auslassung meiner Adresse und des DynDNS-Namens meines PCs) auf meiner Website und im Heise-Forum publizieren. Und ja, ich würde Ihnen das alles auch ins Gesicht sagen!

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