Das Internet-Debakel –

– eine andere Ansicht

Im Original geschrieben von Janis Ian für das Magazin Performing Songwriter im Mai 2002, übersetzt von Frosch im Mai 2005.

Kurz nach der Veröffentlichung dieses Artikel trat Michael Greene als Präsident von NARAS zurück.

Das Internet und das Downloaden werden bestehen bleiben […] Jeder, der anders denkt, sollte sich darauf vorbereiten, auf der Müllhalde der Geschichte zu landen. (Janis Ian während eines Live-Interviews in Europa am 09.01.1998)

Wenn ich für einen Artikel recherchiere, schicke ich normalerweise 30 E-Mails oder so an Freunde und Bekannte und frage nach Meinungen und Anekdoten. Normalerweise erhalte ich zehn bis 20 Antworten. Aber nicht bei diesem Thema!

Ich schickte 36 E-Mails mit der Bitte um Meinungen und Fakten zum freien Musikdownload aus dem Netz. Ich gab an, dass ich plante, die Stelle des Teufels-Advokats anzunehmen: Freie Internet-Downloads sind gut für die Musikindustrie und ihre Künstler.

Bis heute habe ich über 300 Antworten bekommen, jede einzelne von jemandem, der legitim „im Musikgeschäft“ ist.

Interessanter noch als die E-Mails waren die Telefonanrufe. Ich kenne niemanden bei NARAS (Herausgeber der Grammy-Preise), und ich kenne Hilary Rosen (Leiterin der Recording Industry Association of America, RIAA) nur vage. Doch innerhalb von 24 Stunden nach dem Absenden meiner Ausgangsmail erhielt ich zwei Nachrichten von Rosen und vier von NARAS, die verlangten, dass ich anrufe, um „den Artikel zu erörtern“.

Uff. Wusste nicht, von wem ich alles gelesen werde.

Der Fairness halber muss ich erwähnen, dass Frau Rosen nur daran interessiert war, die Sicht der RIAA in dieser Sache darzustellen, und dass sie so freundlich war, mir eine nette Anzahl an Statistiken und Dokumentation inklusive einiger Studien an Auswahlgruppen, die die RIAA in dieser Sache durchgeführt hatte, zukommen zu lassen.

Das Problem mit Auswahlgruppen ist jedoch das selbe, das Anthropologen haben, wenn sie Feldstudien machen – in dem Moment, wenn die Anwesenheit der Anthropologen bekannt ist, verändert sich alles. Hunderte von wissenschaftlichen Studien haben gezeigt, dass jede Experimentalgruppe dem Tester gefallen will. Das gilt insbesondere für Auswahlgruppen. Kaffee und Donuts sind das Mindeste an Bezahlung.

Die NARAS-Leute waren schon etwas aufdringlicher. Sie erzählten mir, dass Downloads „den Handel zerstören“, „die Musikindustrie ruinieren“ und „Sie Geld kosten“.

Mich Geld kosten? Ich behaupte nicht, eine Expertin fürs Urheberrecht zu sein, aber eines weiß ich. Wenn ein Vertreter der Musikindustrie verlangt, dass ich ihrer Geschäftsordnung zustimme, weil sie dann mehr Geld für mich verdienen, dann lege ich meine Hand auf meine Brieftasche und schau hinterher nach, ob noch alles drin ist.

Bin ich misstrauisch wegen all dieser Hysterie? Darauf können Sie wetten. Glaube ich, die Sache ist sehr schlecht abgehandelt worden? Absolut. Bin ich besorgt darüber, Freunde zu verlieren, Vorteile, meine zehnte Grammy-Nomination, wenn ich diesen Artikel veröffentliche? Yeah. Bin ich. Aber manchmal sind Dinge einfach falsch, und wenn Dinge dermaßen falsch sind, müssen sie benannt werden.

Die Prämisse von all diesem Trara ist, dass die Industrie (und ihre Künstler) durch freien Download geschädigt werden.

Unsinn. Nehmen wir meine persönlichen Erfahrungen. Meine Site hat im Durchschnitt 75.000 Hits[1] pro Jahr. Nicht schlecht für jemanden, dessen letztes Erfolgsalbum 1975 herauskam. Als Napster auf Höchstleistung lief, bekamen wir ungefähr 100 Hits pro Monat von Leuten, die Society's Child oder At Seventeen frei herunterladen und dann mehr Informationen haben wollten. Von diesen 100 Leuten (und das sind nur die, die uns darüber Bescheid gaben, wie sie die Site gefunden hatten), kauften 15 CDs. Keine übermäßigen Verkäufe, oder? Keine Plattenfirma ist an 180 zusätzlichen Verkäufen pro Jahr interessiert. Aber? diese bedeuten 2700 $, die in meiner Buchhaltung eine Menge Geld sind. Und dabei sind noch nicht die enthalten, die die CDs in Läden kauften oder in meine Shows kamen.

Oder nehmen Sie die Schriftstellerin Mercedes Lackey, die ganze Regalreihen in Läden und Büchereien belegt. Und sie sagte selbst: „In den letzten zehn Jahren haben meine drei 'Arrows'-Bücher, die vor 15 Jahren bei DAW veröffentlicht wurden, ein nettes, regelmäßiges Lizenzeinkommen generiert. Eine bemerkenswerte Menge für 15 Jahre alte Bücher. Ich bekam jedoch nur die erste Hälfte meiner DAW-Lizenzhonorare … Und plötzlich, aus dem Nichts, erhielt ich für jedes Arrows-Buch das dreifache des normalen Betrages! […] Und weil diese Bücher nie aus dem Druck genommen worden und immer mit dem Rest der Backlist beworben worden waren, war die einzige signifikante Änderung etwas, was bei Baen, einem meiner anderen Verleger, geschehen war. Das war, als ich meinen Co-Autor das erste meiner Baen-Bücher auf die Free-Library-Site von Baen setzen ließ. Weil ich wesentlich mehr Bücher bei DAW als über Baen habe, zeigten sich die Steigerungen zunächst bei DAW. Eigentlich gab es eine Steigerung bei allen Büchern durch diese Tatsache, und es sieht genauso aus, wie ich es erwartete, wenn eine regelmäßige Anzahl von Leuten, die niemals meine Sachen gelesen haben, sie in der Free Library entdecken – ein bestimmter Prozentsatz mag sie und fängt an, meine Backlist durchzugehen, beginnend mit den frühesten veröffentlichten Büchern. Das wirklich Interessante daran ist natürlich, dass das keine Baen-Bücher, sondern die von DAW sind – einem anderen Verleger – das heißt 'Namenstreue' anstatt 'Markentreue'. Ich sag Ihnen was, ich bin ausverkauft. Freiheit funktioniert.“

Ich kann das nur als wahr bestätigen; jedesmal, wenn wir ein paar Lieder auf meiner Website zur Verfügung stellen, gehen die Verkäufe aller CDs nach oben. Heftig.

Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber als eine Künstlerin mit einem Katalog lieferbarer Alben, der bis 1965 zurück reicht, würde ich erschauern, wenn die Verkäufe auf meine alte Liste steigen.

Nun argumentieren RIAA und NARAS genauso wie der größte Teil der verschanzten Musikindustrie damit, dass freie Downloads den Verkauf schädigen. (Mehr als schädigen – sie sagen, dass es die Industrie zerstört.)

Leider braucht die Musikindustrie gar keine Hilfe von außerhalb, um sich zu zerstören. Wir sind schon selbst fleißig dabei, vielen Dank.

Das hier sind einige Aussagen von der Website der RIAA:

Schauen wir uns diese Punkte einen nach dem anderen an, aber vorher möchte ich Sie an etwas erinnern: Die Musikindustrie antwortete auf exakt die gleiche Weise auf die Einführung von Tonbandgeräten, Cassetten, DAT-Cassetten, Minidiscs, VHS, BETA, Musikvideos („Warum die Platte kaufen, wenn Du es auf Band aufnehmen kannst?“), MTV und eine Menge anderer technologischer Verbesserungen, die dafür erfunden worden waren, um das Leben der Konsumenten einfacher und besser zu machen. Ich weiß das, weil ich es erlebt habe.

Der einzige Grund, warum sie nicht öffentlich auf diese Weise auf die Einführung der CD reagierten, war, dass sie glaubten, CDs seien nicht kopierbar. Ein früherer Leiter des Marketings bei Sony hat mir das persönlich erklärt, als sie mich darum baten, Between the Lines für das CD-Format zu einer reduzierten Lizenzgebühr zu lizensieren. („Weil es eine brandneue Technologie ist.“)

Sehen wir das mal realistisch: Warum laden sich die meisten Leute Musik herunter? Um neue Musik oder Alben zu hören, die es nicht mehr im Handel gibt. Nicht um die 5 $ zu umgehen, die man im Laden für eine gebrauchte CD ausgeben müsste, oder es aus dem Radio aufnehmen zu müssen, sondern um Musik zu hören, die sie sonst nirgendwo finden können. Sie müssen sehen – die meisten Leute können es sich nicht leisten, 15,99 $ zum Ausprobieren auszugeben. Deshalb sind Abhörkabinen (wogegen die Labels auch gekämpft haben) so ein Erfolg.

Sie können derzeit keine neue Musik im Radio hören; ich lebe in Nashville, „Music City USA“, und wir haben genau einen Sender, der bereit ist, nicht das Top 40-Format zu spielen. An einem klaren Tag kann ich ihn sogar empfangen. Die Situation ist in Los Angeles oder New York nicht besser. Studenten-Sender sind manchmal stärker, aber ihre Watt-Zahlen sind so niedrig, dass die meisten von uns sie nicht empfangen können.

Ein anderer wichtiger Punkt: In der Hysterie des Moments vergisst jeder die primäre Art, wie ein Künstler erfolgreich wird: Preisgabe. Ohne in die Öffentlichkeit zu gehen, kommt niemand in Shows, niemand kauft CDs, niemand befähigt Sie dazu, ein Einkommen zu verdienen, um zu tun, was Sie gern möchten. Wieder aus persönlicher Erfahrung: In 37 Jahren als Studiokünstlerin habe ich über 25 Alben für große Labels produziert, und ich habe nicht ein einziges Mal ein Honorar bekommen, das nicht zeigte, dass ich ihnen Geld schulde. Also erarbeite ich meinen Lebensunterhalt größtenteils damit, indem ich auf Live-Tour gehe, vor 80 - 1500 Leuten pro Abend spiele und meine eigene Show mache. Ich investiere mehrere Stunden pro Woche mit Pressearbeit, damit, Artikel zu schreiben und sicherzustellen, dass der Tourkalender auf meiner Website auf dem neuesten Stand ist. Warum? Weil mich all das vor ein Publikum bringt, das sonst nicht kommen würde. Wenn mir also jemand schreibt und mir erzählt, dass sie zu meiner Show kamen, weil sie ein Lied herunter geladen hatten und neugierig geworden waren, bin ich begeistert!

Wer wird von freien Downloads geschädigt? Bestenfalls eine Handvoll Super-Erfolgreiche wie Celine Dion, keiner von uns. Uns wird nur geholfen.

Der Congress ist wohl anderer Meinung. Senator Fritz Hollings, Vorsitzender des Wirtschaftskommittees des Senats, sagte, nachdem er dies gelesen hatte: „Wenn der Congress angesichts dieser [File-Sharing-]Aktivitäten untätig herumsitzt, billigen wir grundsätzlich, dass das Internet ein sicherer Hafen für Diebstahl ist“ und fuhr dann damit fort, indem er „über 10 Millionen Menschen“ des Stehlens bezichtigte. [Steven Levy, Newsweek 11.03.2002]. So denken wir über Konsumenten – sie sind Diebe, darauf aus, Etwas für Nichts zu bekommen.

Quatsch. Die meisten Konsumenten haben kein Problem damit, für Unterhaltung zu bezahlen. Man muss sich nur mal den Erfolg von Fictionwise.com und den paar anderen Websites ansehen, die Bücher und Musik zu günstigen Preisen anbieten, um das zu verstehen. Wenn die Musikindustrie einen Fetzen Vernunft hätte, hätte sie dieses Problem vor sieben Jahren angesprochen, als Leute wie Michael Camp versuchten, legale Lizenzen für Online-Musik zu erlangen. Statt dessen war der Standpunkt der Musikindustrie „Es wird vorbei gehen.“ Das ist der selbe Standpunkt, den CBS Records gegenüber Rock'n'Roll einnahm, als Mitch Miller der Chef von A&R war. (Und Sie wundern sich, warum sie die Beatles und die Rolling Stones verpassten.)

Ich gebe der RIAA nicht die Schuld für Hollings Einstellung. Sie sind ja schließlich die Recording Industry Association of America, zu dem Zweck ins Leben gerufen, den Labeln eine Lobby in Washington zu geben. (In anderen Worten, es ist ihnen erlaubt, Eingaben an Politiker und ihre Parteien zu machen.) Aber vorausgesetzt, dass der Erfolg unserer Industrie auf Kommunikation basiert, ist die Antwort der Industrie auf das Internet miserabel. Aussagen wie obige helfen da überhaupt nichts.

Natürlich war Kommunikation immer der Job des Künstlers, nicht der Vertreter. Deshalb ist es so erschreckend, dass Leute wie der aktuelle Präsident der NARAS, Michael Greene, anfangen, Shows wie die Verleihung der Grammy Awards dazu zu benutzen, mit ihrer Position zu punkten.

Die Anzahl der Zuschauer bei der Grammy-Verleihung war bis 2002 über sechs Jahre hinweg gesunken. Persönlich fand ich das Programm so schillernd, dass ich mich danach sehnte, Rob Lowe mit Schneewittchen tanzen zu sehen, was so schlecht war, dass es schon wieder unterhaltsam war. Veränderungen wie das lächerliche Duett Elton John - Eminem sorgten nicht gerade dafür, dass die Leute im nächsten Jahr wieder zusehen wollen. Und wir reden jetzt gar nicht über die Pulitzerpreis-Gewinnserie der Los Angeles Times an Greene und NARAS, als sie ausführten, dass MusiCares weniger als 10 % seiner Einnahmen an Notfallfonds für Leute in der Musikindustrie (ihr Hauptzweck) ausbezahlt hat, oder dass Greene sein eigenes Album aufgenommen und an Plattenvertreter verteilt hat, während er das Grammy-Geschäft erörterte, dann einen 250.000-Dollar-Vertrag mit Mercury Records dafür aushandelte (später nach der öffentlichen Ohrfeige zurückgezogen). Oder dass NARAS stillschweigend mindestens 650.000 $ bezahlt hat, um ein Verfahren gegen ihn wegen sexueller Belästigung zu bereinigen, wobei ein Teil davon von der Non-Profit-Akademie übernommen wurde. Oder dass er zwei Millionen Dollar pro Jahr bezahlt bekommt, zusammen mit „Vergünstigungen“ wie seine Mitgliedschaft im Country Club für eine Million Dollar und seinen Mercedes. (Da kann man sich schon darüber wundern, als er letztens in einen Plattenladen ging und etwas von seinem eigenen hart verdienten Geld kaufte.)

Lassen Sie uns festhalten, dass er in seiner Ansprache dem zusehenden Publikum erklärte, NARAS und RIAA würden größtenteils ihre Stellung dazu benutzen, um Künstler zu schützen. Er heuerte drei Teenager an, einige Tage lang nichts anderes zu tun als herunterzuladen, und sie schafften es, „6.000 Lieder“ herunterzuladen. Ach, kommen Sie. Für freie „Erste-Reihe-Sitze“ bei den Grammys und einem Auftritt im bundesweiten Fernsehen würde ich zweimal so viel runterladen! Aber wer hat denn die Zeit, so viele Lieder herunterzuladen? Glaubt Greene wirklich, die Leute da draußen verbringen zwölf Stunden am Tag damit, unsere Musik herunterzuladen? Wenn sie das tun würden, müssten sie an Hunger sterben, denn sie würden nichts mehr vom Leben mitbekommen oder zur Schule gehen. Wie viele von uns können sich eine T1-Leitung leisten?

Diese Dinge bezeichnen die Art, wie mit Statistiken und Informationen umgesprungen wird. Der Gedanke, dass die Konsumenten darum gebeten werden, Verantwortung für die Probleme der Musikindustrie zu übernehmen, die länger da ist als das Internet, ist grauenhaft. Der Gedanke, dass den Konsumenten erzählt wird, es sei ihre Pflicht, uns, die Künstler, zu beschützen, wenn unsere eigene Industrie die Dollars, die wir verdienen, mit Verschwendungen und persönlichen Fehden verprassen, ist noch schlimmer.

Greene fuhr fort, indem er sagte: „Viele der Nominierten, die heute Abend hier sind, besonders die neuen, weniger etablierten Künstler, sind in akuter Gefahr, aus unserem Geschäft hinausgedrängt zu werden.“ Richtig. Jeder „neue“ Künstler, der es schafft, zur Grammy-Verleihung zu kommen, hat Millionen von Dollars der Plattenfirma im Rücken. Die „wirklich“ neuen Künstler sind keine Leute, die Sie im Bundesfernsehen zu sehen oder in den meisten Radiosendern zu hören bekommen. Es sind Leute, die Sie hören, weil Ihnen jemand eine Platte gab, oder weil sie als Vorgruppe eines Konzerts auftraten, das Sie besuchten, oder die das Glück hatten, von NPR oder einem anderen Programm unterstützt zu werden, das noch dafür offen ist, Platten zu spielen, die noch keine Hits sind.

Bezüglich Künstlern, die „aus unserem Geschäft gedrängt werden“, die einzigen Leute, die herausgedrängt werden, sind die Angestellten unserer wie Enron denkenden Plattenfirmen, die in Scharen gefeuert werden, weil die Höherstehenden inkompetent sind.

Und es ist schwer, ein gebildetes Publikum davon zu überzeugen, dass Künstler und Plattenlabels den Bach hinunter gehen, weil sie, die Konsumenten, Musik herunterladen. Insbesondere, wenn sie 50 bis 125 $ für ein Konzertticket und 15,99 $ für eine neue CD bezahlen, von der sie wissen, dass ihre Herstellung und ihr Vertrieb nur wenige Dollars kostet.

Ich vermute, Greene denkt, Downloader seien das Äquivalent eines altmodischen TV-Drogendealers, der um Spielplätze herum lauert, weite Mäntel trägt und sie für Kinder mit weit aufgerissenen Augen öffnet, um schließlich Schwarzmarkt-CDs zu einem großzügigen Preis zu verkaufen.

Wie heißt das neueste Schlagwort der Industrie? Verschlüsselung. Sie wollen sicherstellen, dass niemand CDs kopieren kann, nicht einmal für sich selbst, oder sie frei herunterladen kann. Brilliant, außer dass sie damit bisherige Gerichtsentscheidungen betreffend Leercassetten, leerer Videocassetten etc. missachten. Und sie vertreibt die Leute.

Wie viele von Ihnen wissen, dass viele Autofirmen ihre CD-Player so herstellen, dass sie auch DVDs abspielen können? oder dass ein Teil der Verschlüsselungen, die Plattenfirmen benutzen, es nicht erlauben, Ihre im Laden gekauften CDs in einem DVD-Player abzuspielen, weil das die gleiche Technologie ist wie in Ihrem Computer? Und wenn Sie Ärger damit hatten, Ihre eigene, selbst aufgenommene Kopie von O Brother Where Art Thou im Auto abzuspielen, dann hängt das mit diesem Irrwitz zusammen.

Die Antwort der Industrie ist es, auf die Label zu schreiben: „Diese Audio-CD ist gegen unberechtigtes Kopieren geschützt. Sie ist dafür vorgesehen, in Standard Audio-CD-Playern und Computern unter Windows abgespielt zu werden; es können jedoch Wiedergabeprobleme auftreten. Wenn Sie solche Probleme bekommen, können Sie diese Disc zurückgeben.“

Nun frage ich Sie. Nach drei oder vier Erfahrungen dieser Art, zum Laden schlappen, um sie zu kaufen, zurückschlappen, um sie zurückzugeben (und Sie haben Ihre Musik immer noch nicht), wer wird sich dann noch damit belasten, CDs zu kaufen?

Die Industrie hat sich jahrelang über den Würgegriff beklagt, in welchem der Mittelsmann ihre Dollars hat, jedoch möchten sie nichts unternehmen, um diese Mittelsmänner anzugreifen. (BMG hat eine strikte Politik für Künstler, die ihre eigenen CDs kaufen, um sie auf Konzerten zu verkaufen – 11 $ pro CD. Sie wissen sehr gut, dass die meisten von uns drauflegen, wenn wir so viel bezahlen müssen; der Zweck ist es, die großen Plattenläden damit glücklich zu machen, indem sie sicherstellen, dass die Verkäufe über sie laufen.) NARAS und RIAA stöhnen über die kleinen Familienläden, die aus dem Geschäft geschaufelt werden; niemand arbeitet härter daran als unsere eigene Industrie, die jeden neuen Tower oder Mega-Musik-Laden freudig begrüßt und Target und WalMart usw. Nachlassrabatte anbietet, damit sie CDs auf Lager nehmen. Das Internet hat nichts damit zu tun, dass Läden schließen und die Verkäufe zurück gehen.

Und für diejenigen unter uns mit einem Vertrag bei den großen Labeln, die etwas von ihrer Musik für den freien Download zur Verfügung stellen möchten? nun, den Plattenfirmen gehören unsere Master[tapes, Anm. d. Übers.], unsere Outtakes [Aufnahmen, die der Produzent oder die Plattenfirma nicht veröffentlicht haben will, Anm. d. Übers.], sogar unsere Demos, und sie würden es nicht erlauben. Mehr noch, ihnen gehören unsere Stimmen für die Dauer des Vertrages, so dass wir nicht einmal eine Live-Aufnahme zum Download herausgeben können!

Wenn Sie darüber nachdenken, sollte die Musikindustrie doch über diese neue technologische Errungenschaft frohlocken! Hier ist eine deppensichere Art, Musik an Millionen zu liefern, die sonst vielleicht niemals eine CD in einem Laden kaufen würden. Die Cross-Marketing-Vorteile sind unglaublich. Es geschieht sofort, die Kosten sind minimal, Versand existiert nicht – ein atemberaubender Träger für höhere Einnahmen und niedrigere Kosten. Statt dessen rennen sie herum wie Hühner, denen der Kopf abgeschnitten wurde, schröpfen jeden und dienen keinem Zweck. Als Alternative dazu, alles zu verschlüsseln und auf Jahre (potenziell sogar Jahrzehnte) hinaus Geld zu binden, um Konsumenten zu bekämpfen, die ihr Recht aus dem ersten Verfassungszusatz geschützt wissen wollen (das immer an die Konsumenten gegangen ist, wie die Verfügbarkeit von leeren und unverschlüsselten VHS-Cassetten bezeugt), warum nicht einen Rat von Buchverlagen und -Schreibern annehmen?

Baen Free Library ist eine Erfolgsgeschichte. SFWA ist eine weitere. Die SFWA-Site ist eine der besten da draußen für interaktive Anleitungen für Schreibende und unterstützt diese mit tief gehenden Artikeln über alles Mögliche von Agenten- und Verlagsbetrug bis hin zu einer ständig aktualisierten Berichtsreihe über verschiedene Urheberrechtsfälle. Wichtiger: Viele Science-Fiction-Autoren, die von SFWA repräsentiert werden, waren von Beginn an stark engagiert im Internet. Jedes Jahr, wenn diese Science-Fiction-Gemeinschaft für den Hugo- und den Nebula-Award abstimmt (ihr Äquivalent zu den Grammys), werden die meisten nominierten Arbeiten komplett auf die Site gestellt, um den Abstimmenden und Nicht-Abstimmenden den Vorteil zu geben, sie vorab zu lesen. Kostenlos. Wenn Sie Mitglied oder Partner (für eine Nominalgebühr) sind, haben Sie Zugang zu noch viel mehr Werken. Die Site ist außerdem voller Links zu Webseiten der Mitglieder und zu Online-Geschichten, selbst wenn diese nicht für irgend etwas nominiert sind. Beim Lesen dieses Materials, wieder kostenlos, können Zapper herausfinden, von welchen Schreibern sie gern mehr haben - und ihre Bücher kaufen möchten. Wäre es nicht schön, wenn alle Platten, die für Awards nominiert werden, jedes Jahr für den freien Download zur Verfügung gestellt würden, selbst wenn es nur für die Gewinner wäre? Leute, die die Alben nicht gekauft hätten, wollen sich dann vielleicht die Singles anhören, und gehen dann hin und kaufen die Platten.

Ich habe keinen Einwand dagegen, wenn Greene et al versuchen, die Plattenlabels zu schützen, welche diejenigen sind, die im Sinne dieser Hysterie agitieren. Die RIAA ist von ihnen gegründet worden. NARAS wird von ihnen unterstützt. Jedoch widerspreche ich gewaltig der vorgetäuschten Behauptung, dass sie das in irgend einer Weise zu unserem Nutzen tun. Wenn sie wirklich etwas für die große Mehrzahl der Künstler tun wollten, die sich ihr Leben gegen alle Unbill aufbauen, könnten sie einige der echten Fragen angehen, denen wir uns stellen müssen:

Zusätzlich sollten wir laut sprechen, und der Congress sollte zuhören. An diesem Punkt hören sie nur von Multi-Platinum-Acts. Was ist mit jemandem wie Ani Difranco, heute eine der vertrautesten Stimmen in der Hochschulunterhaltung? Was ist mit jenen von uns, die den größten Teil ihres Lebens außerhalb der großen Gesellschaftssysteme verbringen und möglicherweise ganz andere Meinungen zu diesem Thema haben?

Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Online-Verfügbarkeit von Material zum Download irgend jemandem schadet. Tatsächlich deuten die meisten harten Beweise auf das Gegenteil.

Greene und die RIAA haben in einer Sache Recht – wir haben eine Zeit der großen Veränderungen in unserer Industrie. Aber zu einer Zeit, in welcher nur noch vier diskutable Plattenlabel in Amerika übrig sind (Sony, AOL/Time/Warner, Universal, BMG - und wo ist der RICO Act, wenn man ihn braucht?) – wenn ganze Genres die Gangster-Mentalität glorifizieren und ihre größten Stimmen an die Gewalt verlieren – wenn Vertreter ihre Positionen so oft verändern wie Zsa Zsa Gabor ihre Kleidung, und „A&R“ ein Euphemismus für „Absent & Redundant“ (abwesend & überflüssig) ist – nun, wir müssen uns um andere Dinge Sorgen machen.

Es ist absurd für uns als Künstler, dass wir die Schließung von so etwas sanktionieren oder gutheißen. Es ist reine Dummheit, sich über die Napster-Entscheidung zu freuen. Kurzsichtig und ignorant.

Freie Preisgabe ist für Unterhalter praktisch eine Sache der Vergangenheit. Es kostet mehr Geld, die eigenen Platten im Radio spielen zu lassen, als sich die meisten von uns überhaupt erträumen können. Freier Download gibt jedem Eigenproduzenten da draußen die Chance. Jeder Act, der nicht bei einem der großen Label unterkommen kann, aus welchem Grund auch immer, kann buchstäblich Millionen neuer Zuhörer erreichen und sie dazu anwerben, die CD zu kaufen und zu den Konzerten zu kommen. Wo sonst kann ein neuer Act oder einer, der keinen Handel mit einem Label hat, diese Art von Preisgabe bekommen?

Bitte halten Sie fest, dass ich nicht den wahllosen Download ohne Erlaubnis des Künstlers verteidige. Ich sage nicht, Urheberrechte sind bedeutungslos. Ich widerspreche dem von der RIAA verbreiteten Image, dass sie das tun, um die Künstler zu schützen, und für uns mehr Geld herauszuholen. Ich bin verärgert darüber, dass so viele Platten, die mir einmal gehörten, aus den Listen gestrichen wurden, und der einzige Ort, an dem ich sie finden konnte, Napster war. Am meisten jedoch möchte ich ein Ende der Hysterie sehen, die eine Gruppe wie RIAA dazu bringt, 45 Millionen Dollar im Jahr 2001 „für unsere Zwecke“ für Lobbyarbeit auszugeben, wenn jede Plattenfirma da draußen sich darüber beklagt, sie hätte kein Geld.

Wir werden zu Microsoft, wenn wir nicht aufpassen, Folks, darauf bestehend, dass jeder Haushalt, der eine zusätzliche Kopie für das Auto, die Kinder oder den tragbaren CD-Player haben will, hingehen und mehrere Kopien „lizensieren“ muss.

Als Künstler haben wir das Ohr der Massen. Wir haben das Vertrauen der Massen. Indem wir auf unseren Konzerten und in der Presse darüber reden, können wir viel unternehmen, um diese Hysterie zu dämpfen und die Blamage für den traurigen Zustand unserer Industrie direkt dorthin zurück geben, wo sie hingehört – in den Schoß von Plattenfirmen, der Verantwortlichen von Radioprogrammen und unsere eigene offensichtliche Unfähigkeit, uns zu organisieren, um unser eigenes Leben zu verbessern – und das unserer Fans. Wenn wir nicht die Zügel in die Hand nehmen, wird es keiner tun.

Quellen: Baenbooks.com, BMG Records, Chicago Tribune, CNN.com, Congressional Record, Eonline.com, Grammy.com, LATimes.com, Newsweek, Radiocrow.com, RIAA.org, personal communications

Mehr Informationen zur Freien Bibliothek gibt es bei www.baen.com/library.

Anmerkung der Autorin: Jeder darf diesen Artikel auf jeder kooperierenden Website oder in jeder gedruckten Zeitung veröffentlichen, obgleich wir darum bitten, einen Link auf www.janisian.com zu setzen und die Original-Autorin zu benennen!

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[1] Aus dem Text ist eindeutig zu erkennen, dass die Autorin nicht Hits (Anforderungen an den Webserver), sondern Visits (Anzahl von Besuchern) meint. Viele Leute verwechseln das.