Stenografie

Wenn ich bei entsprechender Gelegenheit einen Block herausziehe und anfange, mir stenografische Notizen zu machen, sehen einige Menschen zweimal hin – und fragen dann, ob das eine Geheimschrift sei. Leider entwickelt sich die Stenografie tatsächlich so langsam zu einer solchen, obwohl sie gar keine ist.

Gelernt habe ich die Deutsche Einheitskurzschrift, wie sie hier korrekt heißt, während meiner Ausbildung zur Justizangestellten. Das war damals noch einer der wenigen Ausbildungsberufe, für welchen man noch das Stenografieren lernen musste. Allerdings bieten die Stenografenvereine, die in fast jeder Stadt zu finden sind, sehr günstige Kurse für EinsteigerInnen und Fortgeschrittene an.

Zunächst lernt man dabei die erste Stufe, die sogenannte Verkehrsschrift. Für jeden Buchstaben, aber auch für oft benutzte Buchstabenkombinationen wie st, sch, br, tr, mp gibt es jeweils ein stenografisches Zeichen. Des weiteren werden Vokale meistens durch die Stellung des folgenden Konsonanten im Verhältnis zum vorherigen dargestellt statt direkt geschrieben. Dazu kommen in der Verkehrsschrift etwa 100 Kürzel, das sind Zeichen, die ganze Wörter darstellen, zum Beispiel ist, sind, und, mit, hat, ich. Das klingt kompliziert, ist es aber gar nicht.

Wichtig ist, dass man sich nicht nur auf das Schreiben der Zeichen konzentriert, sondern genauso intensiv auch das Lesen übt. Außerdem muss so sauber geschrieben werden, dass jeder Mensch, der die gleiche Stufe der Stenografie beherrscht, das Ergebnis auch wieder lesen kann (deshalb Einheitskurzschrift). Übrigens gibt es in der Stenografie keine Großbuchstaben, alles wird mit den selben Buchstaben geschrieben. Fremdwörter und Eigennamen darf man sogar nach Gehör schreiben statt nach Orthografie. Ob man Satzzeichen mitschreibt, bleibt einem selbst überlassen, allerdings sollte man dabei einheitlich vorgehen, also entweder alle oder gar keine. Es gibt also insgesamt weniger Regeln, aber diese müssen umso strenger eingehalten werden.

Ach ja: Haltet Euch von LehrerInnen fern, die Euch Steno wie eine Sprache mit Vokabeln pauken lassen wollen. Die einzige Art, Steno zu lernen, ist schreiben, schreiben, schreiben! Der Versuch, die Kürzel aus einem Vokabelheft heraus lernen zu wollen, geht gnadenlos in die Hose.

Mit der Verkehrsschrift soll es angeblich möglich sein, bis zu 180 Silben pro Minute (das ist die Maßeinheit für die Schreibgeschwindigkeit) schnell zu schreiben. Ich kann dazu nichts sagen, denn als ich bei etwa 80 bis 100 Silben pro Minute war, lernte ich im zweiten Lehrjahr die zweite Stufe, die Eilschrift.

Hierbei werden weitere Kürzel eingeführt (wir, gegen, -schaft, groß u. a.). Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Kürzungsregeln, nach denen Wörter und teilweise auch bereits ganze Phrasen und Satzteile vom Schreiber selbstständig zusammengekürzt werden. Anfangs- und Endsilben sollen nach bestimmten Regeln weggelassen werden. Wenn zum Beispiel eindeutig erkennbar ist, dass ein Verb auf -en endet, dann kann und soll dieses -en weggelassen werden: Aus „ich werde dir schreiben„ wird „ich werde dir schreib“.

Mit der Eilschrift sollen etwa 280 Silben pro Minute möglich sein. So weit habe ich aber nie trainiert, ich bin seit Jahren konstant bei etwa 120 Silben pro Minute, zwischendurch war ich auch schon bei 140 Silben. Für den Alltagsbedarf genügt das vollkommen. Wer allerdings bei einem Redner flüssig mitschreiben möchte, sollte mindestens 250 Silben pro Minute schaffen.

Die dritte Stufe der Deutschen Einheitskurzschrift ist schließlich die Redeschrift. Ich kenne daraus nur einige Kürzel, zum Beispiel für die Phrase „mit freundlichen grüßen“, aus der ungefähr sowas wie „m(it)-eu-ü“ wird. Auch andere Phrasen, Satzteile und ganze Sätze werden extrem komprimiert und sind mit wenigen Strichen zu schreiben. Damit sind Geschwindigkeiten bis zu 500 Silben pro Minute möglich.

Eine weitere Steigerung gibt es bei den Parlamentsstenografen, die wohl eine spezialisierte Weiterentwicklung der Redeschrift pflegen. Weitere Informationen habe ich darüber aber nicht.

Anzumerken ist noch, dass die Kürzel und Kürzungsregeln auf die Einsatzgebiete Wirtschaft (kaufmännischer Bereich), Justiz, Politik und Verwaltung ausgerichtet sind. Einen technischen Text oder ein Kochrezept kann man nie so stark zusammenkürzen wie ein Gerichtsurteil oder einen Geschäftsbrief, weil einfach die Kürzel fehlen.