Geschichte der Mailbox-Szene

Im Gegensatz zum rfc-basierten Usenet sind Mailboxen Store-and-Forward-Systeme. Das heißt: Wenn Nachrichten für ein anderes System eintreffen, wird im allgemeinen nicht sofort eine Verbindung dorthin hergestellt, sondern diese Nachrichten werden gesammelt und zu festgelegten Zeiten (oder nach Bedarf auch manuell) als Paket übertragen. Bei der Übertragung wird zunächst einmal nicht zwischen Mail und News unterschieden.

Dieser Unterschied liegt in der völlig anderen Entstehungsgeschichte der Mailboxen und Mailboxnetze begründet. Während sich im Usenet alle Server darauf verlassen, dass sie jeden anderen Server (fast) ständig erreichen können, handelt es sich bei Mailboxen um Systeme, die nur zu festen Zeiten miteinander Kontakt aufnehmen. Usenet und E-Mail fußen größtenteils auf das TCP/IP-basierte Internet mit seinen Standleitungen, Mailboxen dagegen benutzen gewöhnliche, nach Zeittakt zu bezahlende Telefonleitungen zur Datenübertragung.

Die ersten Mailboxen waren Hobby-Projekte von Freaks, die sich Ende der 70er Jahre ihre eigene Software zusammen zimmerten. Sie wussten sehr genau, was sich in ihrem System abspielt und wie alles funktioniert. Dafür kannten nur sie allein ihr jeweiliges System, und es gab im allgemeinen keine Dokumentationen oder Benutzeroberflächen; konfiguriert wurde, wenn überhaupt, mit einem Editor in ASCII-Dateien.

Für Politiker, Behörden, MedienvertreterInnen und Polizei waren diese Mailboxen äußerst suspekt: Zum einen gab es für sie keine passende Gesetzgebung, zum anderen wurde darin eine echte freie Meinungsäußerung verwirklicht – den meisten musste das automatisch ein Dorn im Auge sein. Umgekehrt konnte man diese Dinger (noch) nicht belauschen, und die BenutzerInnen traten auch nicht unter ihren eigenen Namen auf, sondern waren größtenteils unter Pseudonymen unterwegs. – Für die Wirtschaft dagegen war das Medium zunächst uninteressant, denn es wurde nicht großflächig genutzt, und die Technik war weitgehend unbekannt.

Zudem waren Modems zu dieser Zeit noch sehr langsam und kosteten, vor allem, weil die Bundespost ein Monopol darauf hatte, eine Menge Geld. Die ersten Boxen hatten sogar noch Akustikkoppler, das sind Geräte, die direkt mit dem Telefonhörer verbunden werden und mit Geschwindigkeiten zwischen 50 und 300 bps arbeiten. Damit war der Zugang nur Leuten möglich, die entweder das nötige Kleingeld hatten oder sich aufs Blueboxing verstanden (die illegale Nutzung fremder Telefonanschlüsse für eigene Gespräche). Aber nicht nur deshalb hatten zu dieser Zeit – Ende der 80er Jahre – Mailboxen und ihre NutzerInnen mit dem gleichen schlechten Ruf zu kämpfen, mit dem sich das Internet mit seinen NutzerInnen noch vor einigen Jahren – und teils noch bis heute – herumschlagen muss: Das Vorurteil, das Medium würde hauptsächlich für den Handel mit Kinderpornos und für die Verbreitung von Bombenbauanleitungen sowie politisch brisantem Material benutzt.

Erst als Mailboxprogramme geschrieben wurden, die auch von Nicht-Programmierern bedient werden konnten, wuchs die Zahl der Mailboxen überproportional. Die ersten Standards wurden ausgearbeitet – meist von technisch versierten Sysops, die ihre Boxen untereinander vernetzen wollten, im Zusammenspiel mit den Mailboxsoftware-AutorInnen. Die meisten dieser Standards (MagicNet, Seven, ProNet und Verwandte) waren von vorn herein darauf ausgelegt, dass an einem Netz nur eine begrenzte Anzahl von Boxen beteiligt sind, und waren daher in der Funktion teilweise eingeschränkt. Außerdem zerstritten sich die Teams relativ oft, sodass die meisten Standards schon deshalb nicht mehr weiter entwickelt wurden.

Die Tatsache, dass die Programme einfacher bedienbar wurden, machte politisch interessierte Menschen auf das Medium und sein Vernetzungs- und Kommunikationspotential aufmerksam. Vor allem linke Gruppierungen und Gruppen aus der Umweltbewegung nutzten schon früh die Möglichkeiten. Die Tatsache, dass die Programme immer benutzerfreundlicher wurden und ein Sysop nicht mehr bis ins letzte Detail wissen musste, was das System eigentlich macht, erleichterte die Eröffnung von Mailboxen auch solchen Menschen, die sich primär für die politische Vernetzung und weniger für die genutzte Technik interessierten.

Von den vielen Standards hielten sich nur Z-Netz, MausNet und FTN (Fido) über 1992/93 hinaus. Im Juni 1994 wurden in einer konzertierten Aktion alle Z-Netz-Boxen vom Format Netcall3.8 auf ZConnect umgestellt. Nur wenige Endsysteme (Mailboxen, die selbst keine anderen Mailboxen mehr mit Daten versorgen) behielten das alte Z-Netz-Format bei und mussten über Gateways Netcall3.8/ZConnect angebunden werden.

Nach dieser Umstellung zerstritt sich jedoch auch das ZConnect-Gremium, und die Weiterentwicklung schlief nach der Fertigstellung der Version 3.0 ein. Es existiert noch eine 3.1-Draft, die aber nur teilweise und in unterschiedlicher Ausprägung und Interpretation in Mailboxprogramme eingearbeitet worden ist.

Der beginnende Internet-Hype ließ nach der Einführung von http und html die UserInnenzahlen der Mailboxen ab 1995/96 erheblich sinken. Da die Mailboxen kein Klicki-Bunti kennen, waren sie plötzlich für Windows-verwöhnte UserInnen uninteressant geworden. Die Mailboxen schlossen reihenweise ihre virtuellen Pforten, und die Sysops wanderten oft selbst ins Internet ab. Einige wenige schafften den Sprung von der Mailbox zum Provider und wurden kommerziell, einige davon behielten die Zugangsmöglichkeit über ZConnect-Software bei.

Das Hauptproblem war, dass NeubenutzerInnen für die Mailboxen gar nicht mehr gewonnen werden konnten, weil sie bei ihrem neu gekauften PC als kostenlose Zugabe eine CD mit Zugangssoftware zu einem der großen Internet-Provider fanden. Die privaten Betreiber der Mailboxen haben nicht die nötige Kapitaldecke, um mal eben ein paar 100.000 CDs mit Mailbox-, Point- und Terminalsoftware sowie Dokus und Anleitungen zu produzieren und sie allen neuen PCs, Modems oder auch den Fachzeitschriften kostenfrei beilegen zu lassen.

Von den 7000 Mailboxen, die noch um 1997 herum in Deutschland offiziell bekannt waren (vermutlich waren es noch mehr, denn unvernetzte Boxen wurden nicht mitgezählt) existierten im Jahr 2000 vielleicht gerade mal noch 300.