Transkranielle Magnetstimulation (TMS)

Hinter diesem Wortungetüm steckt eine Therapieform, bei der eine bestimmte Stelle des Gehirns einem Beschuß mit starken Magnetfeldern ausgesetzt wird. Eine gute Beschreibung der Transkraniellen Magnetstimulation findet man bei Wikipedia.

Ich erfuhr von diesem Verfahren von einem Chatter, der mir einen Link zu einem Erfahrungsbericht schickte. Ich war verblüfft: Sollte eine deutliche Verbesserung meines Zustandes wirklich so einfach möglich sein?

Also fragte ich bei meiner Ärztin nach. Und siehe da: Die Rheinischen Kliniken in Düsseldorf führen eine Studie zu dieser Therapieform durch. Die Krankenkassen finanzieren diese Therapie (noch?) nicht, aber als Teilnehmerin einer Studie müßte ich nichts bezahlen. Aber: Ich müßte stationär aufgenommen werden, vor allem wegen der ganzen zusätzlichen Untersuchungen für die Studie.

Nach meinen Erfahrungen mit dieser Klinik vom Vorjahr paßte mir das nun eigentlich gar nicht. Aber noch während ich über die Entscheidung nachdachte, stürzte ich in der Nacht vom 6. auf 7. November mal wieder „volle Kanne“ ab – nachdem sich monatelang ein deutlicher Aufwärts-Trend gezeigt hatte. Ich hatte im August alle Medikamente (Trevilor, Orfiril, Edronax) abgesetzt, und seitdem war es mir eigentlich besser gegangen.

Am 24.11.2005 wurde ich also wieder stationär aufgenommen. Den klinik-üblichen Voruntersuchungen, die jeder neu aufgenommene Patient durchläuft (Blutabnahme, Urinprobe, wiegen, EKG), folgten am Dienstag darauf (29.11.) noch einige studienbezogene Untersuchungen: Neben einem ausführlichen EEG mit Konzentrationsübungen sollte ein Tagesprofil des Hormons Cortisol vorgenommen werden (mittels Speichelproben). Dabei übersah ich jedoch, daß die Röhrchen, die ich dafür bekommen hatte, durchnummeriert waren; ich hatte sie sozusagen „durcheinander“ abgegeben. Als ich das nach dem 4. Röhrchen feststellte, wurde das Tagesprofil abgebrochen und auf den nächsten Tag verschoben.

Das ausführliche EEG empfand ich als ziemlich anstrengend: Dabei bekam ich erst „verrauschte“ Bilder gezeigt und mußte sie anhand einer Liste identifizieren, und danach sollte ich Gesichtsausdrücke deuten, ebenfalls anhand einer Liste. Die Bilder wurden jeweils nur sehr kurz gezeigt. Und schließlich zeigte man mir in sehr schneller Reihenfolge einfach nur verschiedene Bilder, zu denen ich aber nichts sagen sollte. Das waren hauptsächlich Bilder von Menschen, von lächelnden Babys bis hin zu offensichtlichen Gewaltszenen und Gewaltopfern.

Am 30.11. wurde morgens eine testpsychologische Untersuchung vorgenommen. Dabei ging es ebenfalls wieder um Konzentration; diesmal waren es überwiegend Aufgaben auf Papierbögen. Dazu kam ein einzelner Test an einem PC. Nachmittags wurde dann nochmal ein Ruhe-EKG gemacht.

Bei dieser Gelegenheit bekam ich schon mal das TMS-Gerät zu sehen: Es ist etwa so breit wie ein BigTower hoch ist und etwa anderthalb mal so hoch wie ein klassisches Desktop-Gehäuse. Daran ist dann noch ein Schwenkarm mit der Magnetspule. Auf Grund von allgemeinen Beschreibungen hatte ich mir das Gerät wesentlich größer vorgestellt.

Jetzt geht es richtig los!

Am 1. Dezember legte ich mich also zum ersten Mal auf das Krankenhausbett neben dem Gerät. Zunächst suchte der Arzt den richtigen Punkt. Gesucht wird, indem der Arzt mit der Spule (meist) auf die linke Kopfseite einzelne, starke Impulse abschießt, bis er den Punkt gefunden hat, an dem der rechte Daumen zuckt. Wenn dieser Punkt dann gefunden ist, geht er von dort aus noch 5 cm nach vorn und markiert dort eine Stelle (mit Edding), an der die Spule dann zur Behandlung tatsächlich angesetzt wird.

Diese Suche empfand ich doch als ziemlich unangenehm, denn bei mir ist die motorische Reizschwelle wohl ungewöhnlich hoch, und die Suche dauerte recht lang. Dabei ist es wichtig, daß man die Zunge nicht zwischen den Zähnen hat, denn bei dieser Suche können die Kiefer auf der entsprechenden Seite unwillkürlich kräftig aufeinanderschlagen. Zum Glück ist mir das nicht passiert, denn gesagt hat man mir das vorher nicht.

Auf Grund der hohen Reizschwelle wurde dann der Einstiegswert für die eigentliche Behandlung relativ niedrig angesetzt. Die Behandlung selbst empfand ich nur anfangs ein wenig unangenehm. Die Spule schießt jeweils in drei Sekunden 20 Magnetfelder ab und macht dann 57 Sekunden Pause, und das 20 Minuten lang. Der Abschuß wird vorher akustisch angezeigt.

Wenn die Spule aktiv ist, klingt das wie schnelles Tippen auf einer älteren Schreibmaschine, und es fühlt sich an irgendwo zwischen gegen die Kopfhaut schnippen (wie in dem oben verlinkten Erfahrungsbericht erwähnt) und dem Versuch, kleine Nägel in den Kopf zu tackern. Aber wirklich schmerzhaft wurde es nicht, und nach einer Gewöhnungszeit empfand ich es auch nicht mehr als unangenehm. Auch die Kopfschmerzen, die bei manchen Patienten wohl aufgetreten sind, blieben aus.

Wirkung der TMS

Als ich von der ersten Behandlung zurück kam (ich muss dafür jeweils in ein anderes Gebäude fast am anderen Ende des Geländes), stellte ich fest, daß ich mich viel besser konzentrieren konnte. Mein Kopf fühlte sich viel klarer an, so klar wie lang nicht mehr.

Im weiteren Verlauf des Tages stellte ich außerdem fest, dass ich wieder so gut wie normal fühlen konnte. Das war mir in den ganzen letzten dreieinhalb Jahren unter Depressionen nicht möglich gewesen! Diese Wirkung hielt auch an den folgenden Tagen an. Aber: Nach längerer Zeit wieder normal zu fühlen, ist nicht so ganz ohne!

Denn es bedeutete zumindest für mich, dass ich mich mit meinen Gefühlen auch wieder ungefiltert auseinandersetzen muß. Vor oder während der Depressionen unverarbeitete Sorgen, Ängste, Kümmernisse etc. schlagen wieder voll durch. Deshalb kann ich nur dringend dazu raten, die TMS nicht ohne psychotherapeutische Begleitung durchzuführen, die auch schon vorher einsetzen sollte.

Wie geht es weiter?

Im Rahmen dieser Studienteilnahme bekam ich noch zehn weitere Behandlungen (also noch bis incl. 14.12.), und an den beiden darauf folgenden Tagen wurden noch einige Untersuchungen durchgeführt (so wie auch teilweise schon während der laufenden Behandlung).

Hält die Wirkung an?

Wikipedia gibt darüber Auskunft, daß die Behandlung im allgemeinen nicht auf Dauer anhält. Das hat mir der Arzt bestätigt. Wenn man alle bisher dazu veröffentlichten Studien heranziehe und die Werte über die Wirkungsdauer zusammenfasse, dann liege die durchschnittliche Dauer bei 50 % der Patienten, die wie ich zwei Wochen lang behandelt wurden, wohl etwa bei zwei bis drei Wochen. Bei vierwöchiger Behandlungsdauer geht die Wirkung eine ganze Weile länger.

Es gibt wohl auch dokumentierte Fälle, in denen die Wirkung einer Behandlung über Monate angehalten hat, aber dabei scheint es sich eher um Einzelfälle zu handeln.

Bekannt sei, daß man die Wirkung mit Medikamenten „strecken“ könne. Ob das bei mir sinnvoll ist, weiß ich nicht, denn meine Medikamenten-Erfahrungen sind eher negativ.

Nachtrag

Die Behandlung hielt nach dem Ende der Sitzungen genau einen Monat lang an. Am 13. Januar 2006 hatte ich einen schweren „Absturz“. Eine zweite Behandlung im März 2006 mit wiederum zehn Sitzungen bewirkte gar nichts mehr.