Wir sind so viele …

Sowohl direkt unter Menschen als auch hier und im IRC gehe ich mit meiner Krankheit ja ziemlich offen um. Viele wundern sich darüber, weil Krankheit ja meist als Schwäche ausgelegt wird und die meisten Leute deswegen versuchen, so etwas zu verbergen. Dazu kommt, daß die Patienten ihre Krankheit Depression oft lange nicht akzeptieren wollen; sie glauben, daß sie „irgendwie selbst schuld“ sind.

Mein offener Umgang damit bringt mir immer wieder Gespräche mit anderen Betroffenen ein – und jedesmal, wenn ich feststelle oder mir jemand sagt, daß sie/er auch „dazu gehört“, macht mich das unendlich traurig. Wir sind so viele, die leiden müssen … und ich habe mich irgendwann natürlich gefragt, warum das so ist.

Warum sind wir depressionskrank?

Wikipedia schreibt darüber (Stand: 12.12.2004):

Die Depression ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Zahlen darüber, wie hoch der wirkliche Anteil derjenigen ist, die davon betroffen sind. Das hängt zum einen mit der hohen Dunkelziffer zusammen (viele Depressionen werden nicht als solche erkannt) und zum anderen mit der Definition der Krankheit. Die meisten Veröffentlichungen gehen jedoch heute davon aus, daß in Deutschland mehr als 10 % der Personen im Laufe ihres Lebens eine behandlungsbedürftige Depression durchleben.

Bei Frauen werden Depressionen im Durchschnitt doppelt so oft wie bei Männern diagnostiziert. Dies kann auf eine verstärkte genetische Disposition von Frauen zur Depression hinweisen, aber auch mit den unterschiedlichen sozialen Rollen und Zuschreibungen zusammenhängen, da deutlich mehr Männer an meist depressionsbedingten Suiziden sterben als Frauen.

In den vergangenen Jahren wurde in den entwickelten Ländern ein starker Anstieg der depressiven Erkrankungen beobachtet, ganz besonders in den hoch industrialisierten Ländern. Die Ursachen dafür sind noch unklar, häufig wird jedoch der Streß in der Gesellschaft (in Form von gestiegener Beanspruchung und Unsicherheit durch die persönliche und berufliche Situation) mit verantwortlich gemacht. So wurde zum Beispiel nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine schlagartige Zunahme von Depressionen und Suiziden in vielen osteuropäischen Staaten beobachtet. Eine weitere Ursache mag sein, daß die Stigmatisierung der Depression in den letzten Jahren weitgehend überwunden wurde und die Patienten heute häufiger ärztliche Behandlung suchen. Dies würde auch mit den Statistiken für Suizid übereinstimmen, nach denen im Jahre 1980 noch 18.000 Deutsche jährlich durch Suizid das Leben verloren, während es im Jahre 2000 nur noch 12.000 waren.

Da frage ich mich doch, was an den „entwickelten Ländern“ so sehr entwickelt oder eher nicht entwickelt ist. Wie wächst man denn zum Beispiel hier auf? Wie werden die Menschen hier von ihrer Gesellschaft, von ihren Politikern, von einflußreichen Personen, Firmen oder sonstigen Institutionen behandelt?

Geld als Ursache

Wer nicht als Kind reicher Eltern geboren wurde oder einen großen Lottogewinn verbuchen kann, dem stehen von vorn herein viele der „Entwicklungen“ gar nicht zur Verfügung – oder nur in einer Billig-Variante. Daran ändert sich auch nichts, wenn einige dieser Dinge in unserem Grundgesetz stehen.

Auf die Weise könnte ich noch eine Weile weitermachen.

Was ich damit sagen will: In unseren ach so „entwickelten“ Ländern ist alles, was sich entwickelt, der Geld-Gewinn Weniger. Die Mehrheit bleibt mitsamt all der schönen Gesetze von Menschenwürde und Freiheit auf der Strecke. Es kann nur noch jede/r für sich kämpfen, ohne Rücksicht auf Andere, um überhaupt eine Chance zu haben, ein wenig von Menschenwürde und Freiheit abzubekommen.

Während die einen also krank werden, weil sie sich ständig überarbeiten (müssen), werden es die anderen, weil ihnen der Arbeitsmarkt eindeutig mitteilt: Wir brauchen Dich nicht (mehr). Du bist unnütz! Und dann geht es erst richtig los: Wer krank ist, ist schwach und erst recht unbrauchbar – nicht mehr als ein Kostenfaktor.

Selbstwertgefühl – woher?

Natürlich spielen dann auch noch andere Faktoren eine Rolle, die bestimmen, ob jemand an einer Depression erkrankt. Ich bin aber davon überzeugt, daß genetische und biochemische Faktoren erst greifen, wenn das soziale Umfeld die entsprechenden Bedingungen dafür schafft. Das negative Selbstbild wiederum ist meist Erziehungssache: Wer schon als Kind lernt, entweder selbst nichts wert zu sein („aus Dir wird ja nie was!“) und/oder an den Eltern sieht, daß das Leben für die „kleinen Leute“ nichts übrig hat, kann doch gar kein normales Selbstwertgefühl entwickeln. Meine ich jedenfalls.