Mit Depressionen in die Klinik?

Nach meinen bisherigen Erfahrungen und dem, was ich von anderen mitbekommen habe, lautet meine Antwort tendenziell eher: Nein. Warum?

Ich habe meine Erfahrungen in den Rheinischen Kliniken Düsseldorf-Grafenberg gemacht, ähnliches aber auch von einigen anderen Kliniken gehört und gelesen. Das ist nun natürlich nur ein persönliches Meinungsbild, aber der Eindruck drängt sich mir auf, daß dieser Umgang mit Patienten recht üblich ist.

Hinweis: Es handelt sich hier um persönliche Erfahrungen und meine persönliche Meinung!

Der Arzt hat immer Recht!

So scheint zumindest die Grundeinstellung von Psychiatern zu sein. Ein Miteinander scheint es nicht zu geben, nur ein ausschließlich hierarchisches Verhältnis von Arzt zu Patient – Arzt oben, Patient unten. Wer als Patient nicht gehorcht, ist „unkooperativ“ und „will anscheinend gar nicht gesund werden“. Ich habe echt noch keine dermaßen arrogante und dabei größtenteils inkompetente Berufsgruppe erlebt wie Psychiater, und das keineswegs nur in der Psychiatrie.

Ratschläge des Arztes sind nach deren Meinung unbedingt zu befolgen, selbst wenn die eigene Erfahrung dagegen spricht, zum Beispiel, weil der Patient weiß, daß es nichts hilft oder eventuell sogar schädlich ist. Fühlt man sich dann nicht besser, ist man immer selbst schuld.

Wenn der Arzt irrt, hast Du die Probleme, Schmerzen, den Druck, eventuell den Zusammenbruch – und vom Arzt kommt nur ein Schulterzucken. Selbst schuld!

Erwarte kein Mitgefühl!

Mitgefühl ist sowieso das Letzte, was man von einem Psychiater erwarten sollte! Er sieht im allgemeinen nur das medizinische Problem „Depression“, aber nicht den depressiven Menschen mit seinen persönlichen Problemen, seiner Vergangenheit und seinem sozialen Hintergrund. Daß Depressionen so unterschiedlich sind wie die einzelnen Menschen, ist den Herrschaften überwiegend wohl noch nicht so wirklich aufgegangen. Ein Freund von mir hat dafür mal den m. E. sehr passenden Begriff „empathische Krüppel“ verwendet.

Gesund werden ist unwichtig

Das ganze Klinikprogramm ist darauf ausgerichtet, aus kranken, arbeitsunfähigen Menschen arbeitsfähige Menschen zu machen. Wie man sich fühlt, ist total unwichtig. Wichtig ist, daß man seine Leistungsfähigkeit steigert oder überhaupt erst wieder erlangt. Die meisten Therapien (insbesondere Ergotherapie, Arbeitstherapie) sind darauf ausgerichtet, die Arbeitsfähigkeit auszuloten und zu steigern.

Daß Arbeitsfähigkeit nicht (zwangsweise) Gesundheit heißt, fällt dabei unter den Tisch, wird aber genauso gepredigt. Naive Patienten scheinen das auch tatsächlich zu glauben – und wundern sich dann, daß sie ein halbes Jahr nach Entlassung wieder „klinik-reif“ sind.

Und immer brav die Medikamente nehmen!

Zum Thema Medikamente habe ich einen separaten Text geschrieben. Auch hier gilt in der Psychiatrie: Der Arzt hat immer Recht. Nebenwirkungen, die gerade bei Antidepressiva ganz massiv sein können, werden entweder heruntergespielt oder ganz ignoriert und sind Problem des Patienten. Aber wehe, man will absetzen, dann ist man wieder unkooperativ.

Meine Psychiatrie-Erfahrungen

Ich habe in meinem ganzen Leben nichts Grausameres erlebt als die Zustände auf der geschlossenen Akut-Station 2D der Rheinischen Kliniken. Ein Freund hatte mich in suizidalem Zustand dort hingebracht, und ich hatte mir Hilfe erhofft. Wie konnte ich nur so naiv sein …

Als erstes wurde mir massiv das schnell abhängig machende Sedativum Tavor angeboten, und das die ganze Zeit über immer wieder, obwohl ich bereits beim Aufnahmegespräch mehrfach klar gemacht hatte, daß ich abhängigmachende Medikamente prinzipiell ablehne. Diese Angebote waren dermaßen aufdringlich, daß ich den Verdacht nicht loswurde, daß die Klinik für jede Tavor, die einem Patienten verpasst wurde, Provision bekommt.

Ich muß leider davon ausgehen, daß mir trotzdem gegen meinen Willen einmal Tavor gegeben wurde, denn ich bekam direkt bei der Aufnahme eine Tablette, von der ich nie erfahren habe, was es war. Und die sedierende Wirkung war eindeutig vorhanden.

Dann die Station selbst: 50 % Überbelegung (27 bis 29 statt 18 Menschen), statt zwei Betten standen in jedem Zimmer drei, teilweise mußten Patienten auf dem Gang schlafen. Versammelt waren hier vor allem akute Psychotiker, selten mal einzelne Depressive, ein paar Forensiker (straffällig gewordene psychisch Kranke), eine zeitweise geistig verwirrte ältere Frau und einige zwangseingewiesene Leute, deren Krankheitsbild mir unklar blieb. Eine meiner Zimmergenossinen war massiv putz- und hygienesüchtig.

Es gab keinen Raum, in welchen man sich mal wirklich zurückziehen konnte. Es gab keine Ansprechpartner. Man wurde total allein gelassen – und das in einer massiven Krise. Das Angebot der Droge Tavor war das einzige Angebot, das es überhaupt gab. (Man kann sich über die Benutzung des Wortes Droge sicher streiten; für mich ist das alles, was süchtig macht, unabhängig davon, ob es als legal, illegal oder als Medikament eingestuft wird.) Der einzige Mensch, der mir überhaupt mal zuhörte, war kein Arzt, auch kein Psychologe, sondern der Seelsorger!

Und es war laut. Der Fernseher im so genannten Aufenthaltsraum lief außer während der Mahlzeiten den ganzen Tag, dazu kamen Radios und CD-Player aus mindestens zwei Zimmern – natürlich bei offen stehenden Türen. Menschen redeten laut miteinander. Und das Ganze von morgens um sieben bis nachts um 23 Uhr. Ziel des Aufenthalts auf dieser Station war es, wohlgemerkt, zur Ruhe zu kommen!

Die „Visiten“ liefen so ab, daß jeder ungefähr fünf Minuten mit dem Arzt sprechen konnte, und das zwei- bis dreimal pro Woche – wenn wir Glück hatten. Die Gespräche drehten sich bei mir immer um das selbe: Tavor nehmen und gehorchen. Zum Schluß war mir sehr danach, den Ärzten was an den Kopf zu werfen, aber ich glaub, dann hätten sie mich als aggressiv an ein Bett angeschnallt (fixiert) und mich zwangssediert …

Der Aufenthalt war durch all das unerträglich. Aus meinen Suizid-Gedanken wurde ein handfester Suizid-Wunsch. Und glaubt ja nicht, daß es auf einer geschlossenen Station unmöglich sei, sich das Leben zu nehmen. Wenn der Verstand nur noch auf Tod ausgerichtet ist, findet sich ein Weg. Mein Plan war jedenfalls fertig.

Ich verlangte danach, auf eine andere, ruhigere Station verlegt zu werden. Zunächst wurde behauptet, eine ruhige geschlossene Station gäbe es nicht, und bei den offenen Stationen müßte ich das Tagesprogramm mit absolvieren, wozu ich definitiv nicht in der Lage war. Nach zwei Wochen und einem Wochenende im Hungerstreik erfuhr ich jedoch, daß man mich belogen hatte: Es gibt auch eine ruhige, auf Depressive ausgerichtete geschlossene Station, nämlich die 2A. Dorthin wurde ich dann nach diesen zwei Wochen auch endlich verlegt.

Ich kann allerdings nicht behaupten, dort und auch später auf einer offenen Station echte Hilfe erfahren zu haben. Die Nebenwirkungen der Antidepressiva wurden konsequent ignoriert, während ich auf eine Hauptwirkung vergeblich wartete; bzw. kann ich bis heute nicht sicher sagen, ob da überhaupt eine Wirkung eingetreten war oder ob es sich um die gleichen zufälligen Stimmungsänderungen handelte, die ich auch vorher und hinterher hatte.

Die Therapien nahmen auf persönliche Interessen genauso wenig Rücksicht wie auf die Tagesform des Einzelnen. Deshalb hatte ich mir auch angewöhnt, die Ergotherapie als „Zwangskreativität“ zu bezeichnen (hach, was bin ich schon wieder unkooperativ!).

Psychiatrie ist für mich tabu

Am 5. Juli 2004 war ich eingeliefert worden; Ende Oktober 2004 wurde ich „gegen ärztlichen Rat“ entlassen, weil ich es dort nicht mehr aushielt. Was soll ich sagen: Kaum war ich raus, ging es mir wesentlich besser. Als ich schließlich im August 2005 die Medikamente absetzte, weil das Übergewicht, das sie mir aufluden, nicht mehr erträglich war – ich hatte bereits nach wenigen Schritten Schmerzen in Hüfte, Knien und Knöcheln –, ging es mir nochmal um einiges besser. Also hatte ich, wie schon die ganze Zeit über vermutet, Recht gehabt: Das Zeug half mir genauso wenig wie der Psychiatrie-Aufenthalt, statt dessen wurde weiterer Schaden verursacht.

Deshalb habe ich für mich beschlossen, daß Psychiatrie für mich tabu ist. Sollte ich jemals gegen meinen Willen eingeliefert werden, sehe ich das als massiven Verstoß gegen meine Grundrechte an. Wenn ich intensive Betreuung brauche, möchte ich nicht allein gelassen und mit Gewalt festgehalten und zwangssediert werden!

Was kann ich raten?

Wenn es denn Psychiatrie sein soll, dann schau Dir die Klinik in einer stabilen Phase an, ansonsten riskierst Du, völlig unvorbereitet in grauenhafte Zustände gestoßen zu werden. Informiere Dich über