Wau Holland *1951 +2001 Wau Holland ist tot

Ich traf Wau Holland am 25. Dezember 2000 beim 17. Chaos Communication Congress (17C3) in Berlin. Dort hatte ich mich freiwillig als Chaos-Engel verpflichtet, also als Kongresshelferin. Für die Engel war ein zweigeteilter Aufenthaltsraum – einer mit Computern, einer ohne – und ein separater Schlafraum vorgesehen. Die Aufenthaltsräume – Engelraum oder einfach Himmel genannt – waren ein wenig von den Veranstaltungsräumen abgetrennt, sodaß wir auch mal unter uns sein konnten und Ruhe hatten.

Als ich dann so vorm Engelraum stand, sah ich einen Zwei-Platten-Kocher mit einem riesigen Topf drauf, und die Platte, auf der der Topf stand, war auf volle Leistung geschaltet. Es war aber niemand da. Also bin ich einfach mal daneben stehen geblieben, um abzuschalten, falls das Wasser im Topf anfängt zu kochen. Der Herd war allerdings recht schwach. Nach ein paar Minuten kam ein älterer Mann, ziemlich klein, rundlich, aber nicht wirklich dick, mit Karl-Marx-Frisur incl. Vollbart und 'ner ziemlichen Platte – und untersuchte den Topf.

Das war Wau Holland, der Alterspräsident und Mitgründer des Chaos Computer Club, und er wollte für die Engel kochen :-)

Ich fragte, ob ich beim Kochen helfen kann. Daraufhin meinte er, klar, ich solle doch einfach mal mitkommen. Zielstrebig marschierte er zur – Herrentoilette. Ich stutzte doch erst mal etwas … In Ermangelung einer Küche hatte er dort einen Tisch aufgestellt, weil das – neben der Damentoilette – der einzige Ort in der Nähe des Engelraums war, in dem es fließendes Wasser gab. Dort schnippelte er Salat und Karotten und bereitete seine „Wau-Holland-Sauce“ zu.

Wau Holland gab es nicht in der Version "schweigend". Am Stück erzählte er Histörchen und Anekdoten, von seinen ersten Computern, dem legendären BTX-Hack und den Gründertagen des CCC. Aber Wau war niemand, der nur erzählte, weil er sich gern reden hörte, sondern es machte ihm Spaß, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, er konnte sich immer wieder selbst über solche alten Geschichten amüsieren – und er freute sich darüber, wenn sie auch anderen Freude machten. Ich schnippelte derweil Eisbergsalat.

Meine Frage, warum denn der 17C3 in Berlin stattfindet, obwohl der CCC doch seinen Sitz in Hamburg hat, beantwortete Wau mit einem lauten Seufzen: „Hach, der alte Streit …“. Ich hab dann lieber nicht weiter nachgefragt …

Es war aber abzusehen, daß die Nudeln, die er dann in dem Topf kochte, nicht für alle über 160 Engel reichen würden. Aber Wau wußte Abhilfe: „Wenn die Nudeln zu wenig sind, erzählen wir den Leuten, daß wir sie in Ermangelung eines Kochlöffels mit der Klobürste umgerührt haben!“

Natürlich stellte ich auch die Frage, ob Wau sein richtiger Name sei. Diese Geschichte mußte er anscheinend schon hunderte von Malen erzählen. Eigentlich hieß er Herwart. Den Namen mochte er aber verständlicherweise nicht. Bei den Pfadfindern nannte man ihn aus wohl naheliegenden Gründen Maulwurf, und als er anfing, zu Programmieren, wurde daraus irgendwie Wau, und das ist dann hängen geblieben.

Auf dem ganzen 17C3 kümmerte sich Wau zusammen mit Hasi rührend um die Futterbeschaffung für die Engelschar. Da das Budget äußerst knapp war, legte er auch aus seinem eigenen Geldbeutel was mit drauf. Hungern mußten wir wahrlich nicht: Es gab zwar nicht immer etwas für jeden Geschmack, aber es war immer etwas da. Wau schleppte seinen Brotbackautomaten an und buk leckeres Brot.

Als wir einmal abends zusammensaßen und Wau wieder einmal aus seinem schier unerschöpflichen Geschichten-Fundus erzählte, fragte ich, wann er seine Memoiren schreiben würde. Er antwortete, daß er damit bereits angefangen habe. Daraufhin bot ich an, für ihn zu tippen und auch Satz und Layout zu machen. Er fand das Angebot gut und meinte, darüber könnten wir nach dem Congress reden, wenn wieder mehr Luft ist. Leider wurde dann nichts mehr draus.

Als ich dann Ende Mai 2001 erfuhr, daß er im Koma liegt, war ich fassungslos. Man macht sich ja kaum Gedanken darüber, daß ein Mensch plötzlich nicht mehr da sein könnte. Ich dachte oft an ihn, dachte auch daran, hinzufahren und bei der Rund-um-die-Uhr-Betreuung, die Freunde organisiert hatten, mitzuhelfen – wenn auch nur mal für ein paar Tage. Nun las ich heute (29.07.2001), daß er früh morgens den letzten großen Server gehackt hat.

Gute Reise, Wau …

Die Kondolenzliste und schöne Zitate gibt es auf wauland.de, dort soll auf Dauer auch Waus Leben und Wirken dokumentiert werden.