19C3 – Tagebuch eines Engels

Mein Zeitplan

von - bis was wo
Mittwoch, 25. Dezember
16:00 - 18:00 Uhr Engelraum einrichten Engelraum
Donnerstag, 26. Dezember
11:00 - 12:00 Uhr Engelbesprechung Saal 1
12:00 - 14:00 Uhr Kasse 1 Eingang
18:00 - 20:00 Uhr Kasse 1 Eingang
Freitag, 27. Dezember
00:00 - 04:00 Uhr Kasse 1 Eingang
12:00 - 13:00 Uhr Wikipedia, die freie Enzyklopädie Saal 3
14:00 - 16:00 Uhr Kasse 1 Eingang
16:00 - 18:00 Uhr Archiv Archiv
18:00 - 20:00 Uhr Jahresrückblick: Netzzensur und andere Ereignisse des Chaos-Jahres 2002 Saal 1
20:00 - 22:00 Uhr EU data retention – Europas Daten für die amerikanischen Geheimdienste Saal 1
Samstag, 28. Dezember
00:00 - 04:00 Uhr „Kino“ Saal 1
12:00 - 13:00 Uhr Call Center – Risiken und Nebenwirkungen Saal 3
15:00 - 16:00 Uhr Stand, Über- und Ausblick zur Videoüberwachung Saal 5
16:00 - 18:00 Uhr Kasse 1 Eingang
19:00 - 20:00 Uhr Die zeitliche Dimension von Sicherheit Saal 3
Sonntag, 29. Dezember
12:00 - 13:00 Uhr EU-Urheberrechtsrichtlinie, deutsche Implementierung und Auswirkungen auf die Informationsfreiheit Saal 3
16:00 - 17:00 Uhr Security Nightmares III: Worüber wir nächstes Jahr lachen werden Saal 1
17:00 - 19:00 Uhr Hacker-Jeopardy Saal 1
19:00 - 20:00 Uhr Abschlussveranstaltung Saal 1

Bilder vom 19C3

Tagebuch

25.12.2002

Hinfahrt: ICE 847, 09:53 Uhr ab Düsseldorf über Düsseldorf Flughafen, Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund, Hamm (Westf), Bielefeld, Hannover, Wolfsburg, Berlin Zoo nach Berlin Ostbahnhof, offizielle Ankunft 14:17 Uhr.

Der Zug hat erst fünf Minuten Verspätung, holt bis Bielefeld auf, darf dann aber ab Hannover nur noch mit 100 km/h weiterfahren, weil das Wetter nicht mitspielt. Alles, was nördlich von Hannover liegt, hält der Winter fest im Griff. Verspätung bis Berlin: fast 50 Minuten. Ich bin dann mit dem Taxi zum HaKP gefahren, 6 €.

Meine Sitznachbarin im Zug – von Bochum bis Hannover – erzählte was von Eisregen in Berlin und 10 cm Neuschnee. Der Taxifahrer meinte dann aber, stimmt gar nicht, es sei zwar kalt, aber trocken gewesen. Scheint soweit auch zu stimmen.

Bereits um 18:00 Uhr ist der Engelraum zur Hälfte fertig, und es werden schon fleißig Schlafräume eingerichtet. So nebenbei bekomme ich mit, daß das NOC schon die ersten Probleme hat. Naja, ist ja nichts wirklich Neues.

Ich habe schonmal eine Suchmeldung für ext2-Spezialisten an einer der Tafeln aufgehängt, vielleicht findet sich ja jemand, der meine 20-GB-Platte reparieren kann. Starbug meinte, ich müsse den ext2-fsck mal mit anderen Superblocks laufen lassen, aber das hatte ich schon probiert.

Ansonsten hoffe ich, daß mir ein wenig Geld leiht, denn ich kann nicht mal den Eintritt bezahlen. Daizy meint zwar, das sei kein Problem, weil ich ja „fleißig mitarbeite“, aber ich mag das trotzdem nicht.

Zwischendurch ein Anruf von zu Hause: Ein DAU kommt nicht klar, weil bei einem Rechner im Bilkinfo-LAN der Bildschirmschoner aktiv war und der Monitor "no signal" zeigte. Seufz.

20:10 Uhr: Ich habe meinen Vortragsplan fertig und plane meine Kassenschichten. Sokrates verwechselt die ganze Zeit meine Stenografie mit Steganografie – und ich habe mich schon gefragt, was er dauernd mit „crypten“ meint …

Spät abends noch ein interessantes Gespräch über Filesysteme (hab leider den Namen dieses Engels vergessen). Möglicherweise ist es interessant, nicht mehr oder nicht mehr ausschließlich ext2 zu verwenden, sondern auch ext3, reiserfs oder xfs. Jedenfalls sollte ich sie mir ansehen, bevor ich neue Rechner aufsetze.

23:10 Uhr: Noch ein Anruf von jemandem, der mir ein Programm zur Reparatur der WD181 nennt. Danach habe ich das Handy doch noch ans Stromnetz gehängt, damit morgen der Wecker funktioniert.

26.12.2002

07:43 Uhr: Viel Schlaf war nicht, eine Stunde in der Galerie auf einem Sofa und knapp zwei Stunden im Engelraum auf einem Stuhl. Jetzt sitze ich neben einer röhrenden Cisco – eine Atari Megafile ist nichts dagegen – im vorderen Engelraum, komme nicht an mein Messer, meinen Geldbeutel und meinen anderen Kram, ohne die beiden anderen Engel zu wecken, die noch hinten liegen. Oder mal sehen, vielleicht schaffe ich es ja doch noch.

Die Rechner, die hier im Engelraum rumstehen, sind ausgeschaltet oder gesperrt. Ich kann also auch nicht mal eben ins Netz. Den Geldbeutel habe ich mir doch noch geholt. Jetzt habe ich Kaffee und Waffeln und kann wenigstens meinen Magen beruhigen.

Letzte Nacht habe ich das Buch von Linus Torvalds, „Just For Fun“, hier im Engelraum gefunden und gelesen. Interessant geschrieben und interessanter Inhalt. Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr haben mich Leute aus Berlin, die mich gestern Abend wegen der Festplatte angerufen hatten, noch besucht und die Platte abgeholt. Angeblich können sie sie reparieren. Bin mal gespannt, ob und wann ich sie wieder kriege.

Wo meine Armbanduhr abgeblieben ist, weiß ich grade auch nicht …

08:05 Uhr: Grade heimatliche Klänge gehört, einer der Engel kommt aus Heidelberg. Nicht zu überhören.

14:53 Uhr: Die erste Kassenschicht war recht locker, abgesehen davon, daß die Quittungen und die Trouble-Tickets fehlten.

17:10 Uhr: Ein wenig in der Galerie gedöst. Art & Beauty bauen dort eine Art Lichtinstallation auf, orangefarbene, verzerrte Quadrate.

Die Nachtschichten für die Kasse sind immer noch leer, bis auf meine Einträge. Ich bin echt mal gespannt, wer heute Nacht mit mir zusammen Wache schiebt. Vielleicht bin ich ja außer den Schutzengeln auch alleine. Immerhin scheint die Essensversorgung jetzt zu funktionieren. Hier liegen jedenfalls Brot, Wurst und Käse rum, es stehen auch schon Tassen und Suppentassen da, aber es gibt noch keinen Wasserkocher oder eine Kaffeemaschine.

20:10 Uhr: Die zweite Kassenschicht war schon ganz schön stressig. Dafür wird die heute Nacht wohl eher ruhig. Obwohl ich wohl alleine bleiben werde. In der Galerie laufen Lichtspielereien, ich werde versuchen, einige Bilder zu machen.

23:20 Uhr: Die Ankunft des Hacktrain verzögert sich, und das heißt, die 200 Leute fallen genau in meine Kassenschicht. Die Schicht vorher ist doppelt besetzt, aber das nützt nichts. Die zweite Kasse ist noch nicht vollständig. Und entgegen dem, was man mir vorher gesagt hat, haben die Zug-Hacker doch noch keine Badges. Da stürmen dann also 200 Leute auf eimal rein und wollen Eintrittskarten und Labels für ihre Hardware.

Ich bin eigentlich schon übermüdet. Gut, das ist nichts Neues auf dem Congress. Ich mache jetzt Kasse bis max. 4 Uhr, dann suche ich mir einen Platz zum Schlafen. Vielleicht wieder, wie schon vorher, im Saal 1, denn um 11 Uhr will ich morgen in einen Vortrag. Nachdem der Archivplan ausgehängt wurde, habe ich mich für morgen Nachmittag und für Sonntag Morgen auch noch fürs Archiv eingetragen. Bin mal gespannt, ob ich meinen Plan halten kann.

27.12.2002

08:00 Uhr: Die Nachtschicht bis vier war dann noch ganz schön anstrengend. Vor allem, weil uns die Eintrittskarten für die Übernachtung in der Turnhalle ausgingen und Tim meinte, eine halbe Stunde damit verbringen zu müssen, neue zu produzieren. Die durften wir dann auch erst ausgeben, nachdem er sich eine weitere halbe Stunde damit Zeit gelassen hatte, eine neue Kasse zu bauen. Wir hatten fast 20 Leute vor der Kasse stehen, die Pennkarten kaufen wollten, und Tim kam mit dem Kram nicht bei. Da lobt uns Gerriet noch für das gute Funktionieren der Kasse. Denn die Kasse heute bekommt heute auch noch den Verkauf dieser Pennkarten aufgedrückt – weil der Infotresen damit überlastet sei. Ja toll, die Kassen sind damit genauso überlastet! Auf die Idee, für die Pennkarten eine Extra-Kasse aufzumachen, ist er nicht gekommen.

Beim Versuch, im Saal 1 zu schlafen, ist es dann auch geblieben. Na gut, 2,5 Stunden sind rumgekommen. Ich bin wohl so gegen fünf drin verschwunden. Aber um sieben rum kamen so ein paar Labertaschen, die sich für ihr dummes Gelaber ausgerechnet den einzigen Raum suchen mußten, der – und auch nur in dieser Nacht – ruhig und rauchfrei ist. In den nächsten Nächten werden im großen Saal wohl wieder Filme abgespielt. Nichts dagegen.

21:37 Uhr: Der Wikipedia-Vortrag war nichts, der Junge hat ziemlich vor sich hin gestottert, das wollte ich mir denn doch nicht geben. Der Vortrag über Videoüberwachung fand gar nicht erst statt, der ist jetzt neu für morgen Mittag angesetzt. Also habe ich mir 50 € geliehen und gemütlich was zu Essen geholt, bevor ich an die Kasse gegangen bin. Dort lief mal wieder ziemlich viel quer. Ich war diesmal am Laminator, war aber mehr damit befasst, irgendwelche Leute per Funk zu rufen, als Karten zu laminieren.

Der Job im Archiv war auch Schrott. Die wollen gar keine Erfasser, sondern bloß Aufpasser, Kopierer und Verkäufer. Der Jahresrückblick war ganz interessant, obwohl er von einem Stromausfall auf der Bühne unterbrochen wurde.

Der Vortrag danach, Europäische Daten für den amerikanischen Geheimdienst, war katastrophal. Der Typ hatte überhaupt keine Struktur drin, nur massenhaft Dateien, und sprang ständig in den Inhalten herum.

28.12.2002

21:37 Uhr (ist echt Zufall): Das ist bereits der Versuch einer Rekonstruktion. Ab 23:10 Uhr hatte ich mich gestern Abend in Saal 1 zurückgezogen, wo dann ab Mitternacht DVD-Filme gezeigt wurden. Irgendwann wollten sie einen brutalen Manga spielen, also habe ich mich gegen 4 Uhr in den Engelraum verzogen, wo ich tatsächlich bis 7 Uhr auf dem Boden schlafen konnte.

Mit dem Frühstücken habe ich mir viel Zeit gelassen und mir dann den Call-Center-Vortrag von der Häckse angehört. Auf die Call-Center-Anekdoten mußte ich verzichten, weil der dafür geplante Raum viel zu klein für den Andrang war.

Dafür kam der Vortrag von padeluun über Videoüberwachung heute Nachmittag doch noch. Ich mußte dafür zwar auf einen Vortrag verzichten, aber der hatte bei mir sowieso nur geringe Prio. Danach war mal wieder Kasse angesagt.

Schließlich habe ich mir den Vortrag über die zeitliche Dimension von Sicherheit angehört, den Ron und Frank Rieger sehr aufgelockert vorgetragen haben. Jetzt komme ich gerade vom Chinesen um die Ecke, wo es für 2,50 € ein billiges, aber immerhin sättigendes Essen gab. Ach ja, und vorher rief auch noch jemand aus Düsseldorf an, um mitzuteilen, daß eine Überweisung nicht geklappt hätte. Aber ich kriege hier keine Kontoauszüge, der Automat rückt nicht mal mehr den Kontostand raus.

Dann hatte ich noch meinen Terminzettel verloren gehabt, aber nicht im Saal 3, wie ich dachte, sondern im Engelraum. Jetzt isser wieder da.

29.12.2002

12:34 Uhr: Im großen Saal lief spät abends erstmal noch eine Veranstaltung zu Computerspielen und Autoren für solche, begleitet von Filmen. Das ging bis nach halb zwei! Danach kam der Arcade-Film, die Doku zu Blinkenlights in Paris. Dann gab's wieder Kino.

Um 5:00 Uhr wollte ich im Engelschlafraum pennen gehen, aber es war alles voll. Nach einem Aufenthalt im Engelraum mit Frühstück (oder wie man diese Mahlzeit bezeichnen mag) habe ich mich wieder in den großen Saal gesetzt, wo gerade wieder ein Film gezeigt wurde. Es war dann schon nach 8:00 Uhr, als ich es nochmal im Schlafraum probierte. Immerhin habe ich dann mit Unterbrechung noch etwa zwei Stunden einigermaßen geschlafen. Wirklich erholsam war es aber nicht.

Die Urheberrechtsveranstaltung habe ich gerade wieder verlassen, weil das keinen Sinn macht, wenn ich ständig mit dem Kopf nach vorne kippe …

Ich stelle – nicht zum ersten Mal – fest, daß Luftmatratze, Schlafsack, Laptop und mindestens 10 € pro Tag plus Eintritts- und Fahrgeld zur Grundausstattung eines Engels gehören …

20:03 Uhr: Den Big Brother Award habe ich mir geschenkt, dafür beim Hacker-Jeopardy mitgemacht. Es kam nur ein Trostpreis raus. Irgendwie war ich ziemlich langsam im Denken. Außerdem saß Fefe mit in der Mannschaft. Aber angefangen habe ich mit einem Donnerschlag: Das erste Feld unter „Bösewichte“ fragte nach demjenigen, den Murdoc töten will. Nun ja – damit darf man einem MacGyver-Fan nicht kommen ;-)

Lustig waren auch vorher die "Security Nightmares", ich habe mir gar nicht alle Zitate gemerkt. Statt der Kamera hätte ich wohl doch besser was zum Schreiben mitgenommen. Hoffentlich kann ich mir diese Veranstaltung bald nochmal als digitalen Mitschnitt ansehen und dann mitschreiben. Auch aus dem Publikum kamen interessante Sachen.

Den Anfang der Abschlußveranstaltung habe ich sausen lassen zugunsten eines warmen Abendessens in der Cafeteria. War dringend nötig. Mein Kreislauf war nicht im besten Zustand.


Congress-Splitter

Beim Parken auf Verbotenen oder als Verboten Markierten Plätzen ist mit herumgetragenen Auto nicht unter 30 Metern oder gepickten Türen zu rechnen.
[Andreas V. Meier am 18.12.2002 auf der Engel-Mailingliste]

Ich hoffe, ich bin jetzt niemandem aufs Wave-LAN-Kabel getreten.
[padeluun nach seiner Aufforderung, während seines Vortrags keine Notebooks zu benutzen, Tag 2]

Call Center Agent klingt einfach besser als Telefonistin.
[Fanny Pittack in "Call Center, Risiken und Nebenwirkungen, Tag 2]

Ein Handy-Exploit kann auch nur auf einem Handy funktionieren, das nicht gerade abgestürzt ist.
[Ron in "Security Nightmares III", Tag 3]