Atari

Das erste Mal sah ich einen Atari ST[1] bei einem Bekannten stehen und staunte nicht schlecht, was das Ding so alles konnte. Zu dieser Zeit arbeitete („arbeitete?“ – naja ;-)) ich ja noch mit dem C=64. Schließlich legten mein damaliger Freund und ich zusammen und kauften uns selbst so ein Teil.

Atari brachte im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Computern auf den Markt [2]:

Diese Auflistung ist leider noch unvollständig. Insbesondere fehlen noch der STacy, der Vorläufer des ST-Book, und der Atari Portfolio. Außerdem fehlen die 8088-er- und 80286-er-PCs, die Atari mal – warum auch immer – gebaut hat.


2500 Mark kostete er 1986 – unser 260ST mit dem Disketten-TOS 1.0, 512 kB RAM, einer externen 3,5"-Floppy, Maus und dem 12"-Monitor SM 124. Wenn das TOS geladen war, war im Speicher kaum noch Platz für mehr als ein kleines Progrämmchen – das Image des Betriebssystems mit grafischer Benutzeroberfläche (GEM) war etwa 350 kB „groß“ (zum Vergleich: Eine Standard-Installation von MS-DOS 6.x braucht 5 MB!).

Deshalb dauerte es auch nicht lange, bis wir unsere letzten Kröten zusammenkratzten, um dem Gerät ein ROM-TOS und eine Speichererweiterung auf 1 MB zu spendieren, damit wir überhaupt richtig was damit anfangen konnten. Das TOS nannte sich jetzt auch gleich Version 1.2 (eigentlich: 1.02) und stürzte längst nicht mehr so häufig ab wie das Disketten-TOS, das man wohl eher in die Kategorie „Beta-Version“ einstufen mußte.

Mit dem mitgelieferten ST-Basic wußte ich nicht so recht was anzufangen. Überhaupt: Die Umstellung von einer reinen Textoberfläche auf eine grafische Oberfläche empfand ich zunächst als schwierig. Da konnte ich ja gar nix eingeben …? Heute geht es den meisten AnwenderInnen wohl eher umgekehrt …

Aber als mir einige Zeit später GfA-Basic in die Hände fiel, war ich nicht mehr zu bremsen. Das war – und ist bis heute – für mich die Sprache. 1987 war ich zwar erst mal durch Prüfungsvorbereitung und -abnahme und danach mit Bewerbungschreiben vom Programmieren „abgelenkt“, aber 1988 hatte ich dann mein erstes größeres Projekt fertig: Ein Hangman mit einer eigenen, wenn auch auflösungsabhängigen, grafischen Oberfläche.

Zu dieser Zeit war der 260ST allerdings keineswegs mehr allein. Auf meinem Schreibtisch türmten sich ein MegaST 2 mit PC-Speed, eine Megafile 30, eine Megafile 44 (= Syquest-Wechselplatte) und eine Megafile 60. Auf diesem Turm thronte aber nach wie vor der SM 124. Nein, ich habe keine Genickstarre bekommen. ;-) – Der ganze Aufbau war im vollen Betrieb ziemlich laut; nicht umsonst wurden die Megafiles auch als „Megadröhn“ oder „Megafön“ bezeichnet.

Der PC-Speed ist übrigens ein Hardware-PC-Emulator, der auf einem NEC V30 basiert und einen 8086 emuliert. Wir haben damals darauf DOS 4.01 zum Laufen gebracht und wollten darauf wiederum dBase III+ installieren. Zu diesem Zweck hatte jemand ein atari-fähiges 5 1/4"-Laufwerk angeschleppt, das sich von 40 auf 80 Tracks umschalten ließ – oder besser: lassen sollte. So ganz hat das nämlich nie funktioniert. Deswegen ging wohl auch der Versuch der dBase-Installation gründlich in die Hose – die Disketten konnten nicht gelesen werden, obwohl sich das Programm auf einem „richtigen“ PC einwandfrei installieren ließ. Der Versuch, die Disketten auf 3,5" umzukopieren, scheiterte an den unterschiedlichen Diskettenkapazitäten – eine 5 1/4"-HD-Diskette faßt nur 1,2 MB, damit war eine sektorweise durchgeführte 1:1-Kopie nicht möglich, und eine nicht-sektorweise Kopie wollte dBase nicht anerkennen und behauptete, es sei raubkopiert worden (was natürlich nicht der Fall war!).

Den Rechner haben wir dann auch bald wieder verkauft, weil es mittlerweile den MegaST 4 gab. 4 MB RAM, das war zu dieser Zeit der reine Wahnsinn! Dieser Rechner bekam dann auch bald heftig was zu tun: Ab 1990 fing ich an, mir etwas dazu zu verdienen, indem ich für StudentInnen tippte. Oft genug kamen welche, denen auf den klobigen, langsamen PCs das „Wört“ abgeschmiert war, weil sie es mit großen Texten mit richtig langen Fußnoten gefüttert hatten. Ich schrieb zu dieser Zeit mit 1st Word Plus und bald darauf mit That's Write und kannte solche Probleme überhaupt nicht.

Ein Jahr später wurde daraus sogar mal ein richtiges Schreibbüro – leider brachte es mir nicht genug ein, um es weiter vollzeitig zu betreiben. Aber die Zeit war wirklich lustig. Der Atari produzierte (fast) ohne Mucken, dafür mit WYSIWYG (what you see is what you get) – meist mit That's Write 3.x – schön formatierte Dissertationen, Diplomarbeiten, Hausarbeiten und sogar ein Buch (mit Signum!2), während mir PC-Besitzer einerseits ständig etwas vorjaulten, daß ihre Kisten ihnen nicht gehorchten und mir andererseits erzählen wollten, ich hätte ja nur einen „Spiel-Computer“.

Dieser „Spiel-Computer“ wanderte noch 1991 in ein Tower-Gehäuse, bekam einen Host-Adapter und eine 105-MB-IDE-Festplatte, ein HD-Diskettenlaufwerk (bei Ataris nicht selbstverständlich, die meisten haben DD-Laufwerke), durfte aber die Wechselplatte behalten – ich tauschte meine Megafile 44 einfach gegen ein Syquest-Einbaulaufwerk. Die anderen Megafiles habe ich zu diesem Zeitpunkt verkauft, dafür gönnte ich mir einen 19"-s/w-Bildschirm, den Atari SM 194.

Den 260ST dagegen schenkte ich etwa zu dieser Zeit meiner – geistig schwer behinderten – Freundin Kathi, die darauf mit Begeisterung schreiben und lesen übte, nachdem ich ein für sie passendes Programm – natürlich in GfA-Basic – geschrieben hatte. Nur 5 Jahre nach dem Kauf, der uns so viel Geld gekostet hatte, war der 260ST auf dem Markt nichts mehr wert. Zudem hatte sich die Weide-Speichererweiterung nach einiger Zeit mit unerwarteten Punkten auf Bildschirm und Ausdrucken und mit unkontrollierten Abstürzen (drei Bomben = ungerade Wortadresse) verabschiedet und mußte ausgebaut werden.

Im November 1991 hatte ich mit dem Layout des „Oskar“ angefangen, der etwa vierteljährlich erscheinenden Zeitung der Jusos Mannheim. Dafür setzte ich erstmals Calamus 1.09N ein, ein DTP-Programm, das sich in seiner späteren Profi-Version als absoluter Renner herausstellen sollte. 1992 habe ich mir diese Profi-Version gekauft, und plötzlich erschien mir der MegaST 4 seeeehr langsam. Ich mußte mich erneut entscheiden, wie ich weiterarbeiten wollte.

 

Atari TT


Schließlich kaufte ich mir im Sommer 1992 für 3500 Mark – per Ratenzahlung – einen neuen Atari TT, der versprach, die nächste Generation power without the price zu sein.

Er bekam eine 500-MB-SCSI-Festplatte von Conner, für die ich nochmal 2000 Mark berappen mußte. Außerdem wählte ich die Version mit der ohne Löten größtmöglichen Menge an RAM, nämlich 8 MB (4 MB ST-Ram, 4 MB FastRam). Um das Geld aufbringen zu können, trennte ich mich wieder von dem 19"-Monitor und verkaufte schließlich auch den MegaST4-Tower. Zum Arbeiten blieb mir nur ein NEC MultiSync 3D (14"), einer der ersten Monitore, die – abgesehen von den Atari-eigenen – überhaupt in der Lage waren, die untypischen Frequenzen der Atari-Computer zu verarbeiten.

Der TT war zu seiner Zeit mit 32 MHz Takt und echten 32 bit ein wahres Arbeitspferd. 8 MB linear adressierbaren Speicher boten damals die PCs noch nicht, 1 MB war normal – mehr konnte das meist darauf eingesetzte DOS ja doch nicht sinnvoll adressieren.

Neben dem „Oskar“ gestaltete ich 1993 auch die Zeitung „Rotes Quadrat“ der SPD Mannheim – leider nur für zwei Ausgaben. In dieser Zeit hatte ich auch wieder – leihweise – einen 19"-Monitor, nämlich den zum TT passenden TTM194. Dieser hatte allerdings immer wieder „Flacker-Anfälle“, und zwar nicht nur bei mir, sondern sozusagen serienmäßig. Deshalb hatte Atari auch einige Zeit später den TTM195 als Nachfolger auf den Markt gebracht (der leider den vom Fehler des TTM194 Betroffenen nicht günstiger angeboten worden war). – Als „Verleihgebühr“ für den TTM194 machte ich Betatest für das Bildbearbeitungsprogramm Repro Studio STpro, da ich eine für die Programmierer günstige Hardware-Kombination hatte, nämlich den Parallel-Scanner Epson GT-6000 an einem TT.

Das fertige Layout des „Roten Quadrats“ gab ich zum Ausbelichten (mit 1200 dpi), und die Folien kamen danach zur Druckerei. Das Ergebnis war „umwerfend“ – vor allem, weil mir bei der ersten Ausgabe (Null-Nummer, sozusagen Beta-Version) auch noch ein Fehler unterlaufen war. Ich mußte das Dokument wegen seiner Größe auf drei Disketten verteilen. Dafür speicherte ich es seitenweise ab, vergaß jedoch, die Texte vor allem der mehrseitigen Artikel zu splitten. Calamus interpretierte das so, daß der Text jeweils auf jeder Seite neu anfangen sollte, statt weiterzugehen. Ich habe dann zerknirscht einen Tag in der Mannheimer SPD-Parteizentrale verbracht, um in jedes der 4000 Hefte ein Beiblatt mit den Fortsetzungen einzulegen. Daß die Druckfarben auf der Titelseite von der Druckerei vertauscht worden waren, fiel dann schon fast nicht mehr auf. Nun ja, Fehler sind dazu da, um daraus zu lernen ;-)

Aber Druck mit 1200 dpi, das hat was. Insbesondere bei Bildern muß schon vorher klar sein, ob das Dokument – jeweils auf einer Offset-Druckmaschine – von einer Vorlage aus dem Laserdrucker mit 300 dpi oder von einer Folie mit 1200 dpi herunter reproduziert wird. Bereits beim Einscannen kann man darauf Einfluß nehmen, wie das Bild am Ende aussieht. Anfangs war mir das nicht bewußt gewesen, daß ein mit 300 dpi eingescanntes Bild in einer Endauflösung von 1200 dpi viel heller erscheint, als wenn es wieder mit 300 dpi gedruckt wird – der „Oskar“ wurde ja für die Reproduktion von Laserausdruck auf Offset-Drucker hergestellt. Auch hier gab's also einiges zu lernen.

Auf Dauer unangenehmer und durch Lerneffekte nicht zu beseitigen war die Tatsache, daß auf dem TT viele ST-Programme nicht mehr liefen. Das betraf primär die meisten Spiele, aber auch mein geliebtes Signum!2 verweigerte den Dienst. Ein Update kam nicht in Frage, ich knabberte ja noch an den Raten für den TT. Meist lag die Ursache schlicht in der unsauberen Programmierung; so verwendeten viele Autoren Funktionen, die nicht offiziell dokumentiert waren, oder griffen direkt auf die Hardware zu, die beim TT eben ein wenig anders aussieht als beim ST.

Aber das TOS 3.06 im TT war stabiler als je zuvor, und mit dem zusätzlich installierten NVDI (alternative, schnelle VDI-Treiber, die diejenigen des TOS überschreiben) rannte das Teil in ungeahnten Geschwindigkeiten, sodaß manchem PC-Besitzer schwindlig wurde.

Der größte Feind des Atari TT war jedoch nicht die schneller werdende PC-Konkurrenz, sondern die Firma Atari selbst. Das Marketing für diese Maschine war unter aller Kanone, der Preis relativ hoch, und zu allem Überfluß änderte sich auch noch die Firmenpolitik: Man wollte eigentlich gar keine professionellen Rechner anbieten, sondern sehe seine Zukunft – „back to the roots“ – wieder im Spielekonsolen-Markt. Damit wurden die ernsthaften Atari-User verraten und verkauft.


Fußnoten: